Jazz Fest Wien Festival History

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Jazz Fest Wien 2013: Review

Die Ferne so warm, die Wärme so nah

Meena Cryle & The Chris Fillmore Band | Martha High & The Speedometer | Marlon Roudette
29.6.2013 Fernwärme Open Air

Nachdem beim Jazz Fest Wien bislang u.a. Gagaist Helge Schneider und der Trommellyriker Triluk Gurtu ihre Art des Gehirnjogging mit Sprach- und Rhythmusspielen an begeistert-willenlosen Mitmenschen ausprobieren konnten, folgte nun am Samstag auf dem Geländer der Fernwärme ein weiterer Akt der Menschwerdung. Der trägt den unübersetzbaren Titel: Free your ass and your mind will follow!

Den Auftakt unter dem Segen spendenden bunten Zwiebelturm der Fernwärme, bei noch angenehmen Außentemperaturen, macht Österreichs beste, weil sowieso einzige bekannte Bluessängerin, Meena Cryle mitsamt der Chris Fillmore Band. Rockt sie das Haus mit ihrer an Janis Joplin geschulten Stimme, bluest sie die Temperatur in die Höhe? Auf alle Fälle hat sie Rock und Bluse zu Hause gelassen, trägt stattdessen auf der Bühne ein langes rotes Kleid und verweist alte Fragen, ob Bluies den White singen dürfen, erst einmal auf die stille Treppe. Sie macht es einfach, unterstützt von der Chris Fillmore Band. Sind wir gekommen, um zu meckern? Nein, um Spaß zu haben. Den haben alle, und als die nach ihr auftretende Martha High um einen Applaus für Meena Cryle und die Band bittet, brandet noch einmal Beifall auf.

Nach Meena Cryle kommt eine siebenköpfige Band auf die Bühne, und der Moderator des Tages meint dem Publikum erst einmal beichten zu müssen, dass dieses Septett erst einmal einen Soundcheck machen müsse und erst danach zu spielen anfange. Wer hätte das gedacht? Wahrscheinlich fürchtet er tumultartige Szenen wie einst, als das Publikum beim legendären „Concert For Bangladesh“ das Stimmen der Sitar von Ravi Shankar bereits für ein Lied hielt und begeistert applaudierte. Wer weiß?

So jedenfalls fangen die Briten, die sich Speedometer nennen, tatsächlich an, Spannung aufzubauen. Ein, zwei Instrumentals, und dann ist das Publikum bereit. Für einen afroamerikanischen Soulstar, der schon beim Betreten der Bühne mit jedem Schritt Charisma verströmt. Martha High, afroamerikanische Soulsängerin, die dreißig Jahre im Dienst von James Brown, dem Godfather of Soul, stand. 1995 wechselte sie zur Konkurrenz, dem Ex-Brown-Saxofonisten Maceo Parker. Seit kurzem wandelt sie auf Solo-Pfaden, und wer jetzt nachrechnet, wie alt sie wohl ist, wenn sie insgesamt schon seit knapp fünfzig Jahren auf der Bühne steht, aber immer noch mit einer Wahnsinnsstimme und einer charismatischen Bühnenpräsenz überzeugt, könnte auch gleich die Frage nach dem Elixier der ewigen Jugend stellen. Wahrscheinlich ist sie einst in einen Jungbrunnen namens Soul gefallen. Es ist diese Musik, die jung hält. Besonders, wenn sie von einer Band gespielt wird, die auf jeder Position überzeugen kann. Die Band hat Spaß, das Publikum auch, und als ein Solo das andere in die höchsten Töne jagt, wird es ziemlich heiß vor Begeisterung um den Berichterstatter Ihres Vertrauens. So viel Wärme war selten auf diesem Gelände.

Den Abschluss machte Marlon Roudette, ein in London geborener, aber in der Karibik aufgewachsener Pop-Sänger. Mit „Big City Life“ und „New Age“ hatte er zwei Welthits, die die Zahnspangengeneration mit ihren Müttern versöhnte. „Ist der süß“, hörte man Mütter und Töchter rufen, und, ehrlich, selten wurden so viele Mütter und Töchter vor Rührung gemeinsam weinend sehen wie gestern bei seinem Auftritt. Roudette punktet sogar mit einigen Deutsch-Kenntnissen und fühlt sich seelenverwandt mit dem Schöpfer des Fernwärme – Zwiebelturms, Friedensreich Hundertwasser, den er dem Publikum als wahren „Renaissancemenschen“ vorstellt.

Jenseits der Hits waren auf seinem Erfolgsalbum „Matter Fixed“ kantige Beats, ein tonnenschwerer Dub-Bass und hypnotische Loops zu hören, und die Frage war, wie sich so etwas wohl in einer Live-Situation anhört. „Ganz anders“, lautet die Antwort. Der in seinen Videos sich ungelenk bewegende Musiker agiert auf der Bühne glücklich, wie losgelöst. Die mit einem Keyboarder und einer Rhythmusgruppe besetzte Gruppe spielt nicht kantig und verlässt sich nicht auf Musikhypnose aus der Konserve. Und die Überraschung ist perfekt, als Roudette sich als Klöppelmeister auf einer umgebauten Konservendose, also eigentlich einem umgebauten Ölfass, das in seiner modernen Form Steeldrum genannt wird, erweist.“ You like me playing stell-drums?“ “Joa!” Und dann singt er, als Tribut an seine karibische Heimat noch Jimmy Cliffs Reggae-Hymne “The Harder They Fall“, und es wird heftig mitgedehnt im Reggaerhythmus. Wir ahnen: Das ist nicht der Fluch der Karibik, sondern eher der Segen der Karibik, der sich mit Steeldrum-Klängen und Reggae-Rhythmen der mittlerweile von Regentropfen genässten, recht frischen Sommerluft mitteilt. So viel Ferne war noch nie an diesem Ort.

Auf dem Nachhauseweg ist es dunkel, aber irgendwie scheint auch die Sonne aufgegangen zu sein. Es ist so kalt, wie es warm ist. An einem britischen Pub singen 243 Engländer den Refrain von „Hey Jude“. Am morgigen Abend, dem 30. Juni, am Sonntag im Porgy & Bess, lässt sich im Porgy & Bess überprüfen, ob die Lektion dieser Abende gelernt wurde. Dann spielt eine der besten, weil lyrisch-wildesten Balkanblasefixbandas auf, die Mahala Rai Banda. Und wie lautete noch einmal die Lektion: „Free your … (Fortsetzung folgt)
Harald Justin

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