Jazz Fest Wien Festival History

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Jazz Fest Wien 2013: Review

Lieber reich leben als arm sterben

George Benson
6.7.2013 Wiener Staatsoper

Einst war er arm, besaß nur eine Singstimme und eine viersaitige Ukulele. Heute besitzt er viele teure, extra für ihn angefertigte Ibanez-Gitarren, singt immer noch und ist reich. Wie hat er das bloß gemacht – und was davon war gestern in der Staatsoper zu hören?

Vor dem Konzert beschauen sich der Bassist, der Drummer und Bensons Gitarrenfachkraft die Wiener Staatsoper. „Marvellous! – „What a beautiful place to play!“ – “So let’s start!” Die zwei Musiker können es kaum erwarten, los zu legen. Und hätte der nette junge Mann, der immer so tapfer das Programm des Jazz Fest Wien ansagt, Augen im Hinterkopf, könnte er sehen, wie der Bassist während seiner Rede das Publikum zum Klatschen animiert. Ja, endlich machen alle mit, sie wollen ihren George Benson sehen, jetzt sofort. Weg mit der klugen Vorrede, her mit George!

Der kommt in schwarzen Lackschuhen auf die Bühne getänzelt und spielt, juchhu, erst zwei längere Instrumentals. Gitarrespielen kann er also immer noch, sogar jazzig und mit viel Verve. Der Drummer hat einen bad motherfuckin’ beat, und der agile Bassist bedient gleichzeitig mit dem Fuß noch ein Tamburin. Das hat etwas, das ist zwar nicht ganz der Benson, den sich Jazz-Puristen wünschen, wenn sie an glorreiche Altzeiten mit Brother Jack McDuff denken, aber das erinnert immerhin an den Benson, der sich in den siebziger Jahren mit klug konzipierten Alben einen Namen über die Jazz-Szene hinaus zu machen begann. Und weil er das Singen seit Kinderzeiten nie hat sein lassen können, kamen einige Jahre später dann die Hits mit Songs wie „Give Me The Night“ und „On Broadway“, bei denen er sang und Gitarre spielte. Hätte er auf die Jazz-Puristen gehört, wäre er wahrscheinlich arm gestorben. Er hat aber auf die Fans gehört und lieber reich gelebt.

Und genau das, einen Nachvollzug seiner Karriere, gibt es zu hören. Erst eine Spur Jazz, dann schnallt er die Gitarre ab und beginnt, zu singen. Oh, und ja, er ist ein Womanizer und er singt Lieder, so samtweich und schmusig, so romantisch liebestoll wie ein Schmusekater, so dass einige Frauen in den vorderen Reihen sehnsuchtsvoll zu ihm heraufschauen. Er wackelt sogar mit den Hüften, der Hallodri! Und er singt gut, er ist ein Soul-Crooner, der es an diesem Abend wirklich wissen will. Mitunter spult Benson bei einigen seiner Konzerte sein Pflichtprogramm runter, an diesem Abend aber blitzt Sangesfreude und Spiellust auf. Er stellt einige Songs von seinem neuen Album mit Titel seines frühen Idols Nat „King“ Cole vor, der einen ähnlichen Weg vom reinen Jazzer zum Pop-Musiker durchgemacht hat wie er. Applaus brandet auf.

Zum Ende gibt es dann noch magische Momente. Einige Musiker müssen das Publikum durch Handbewegungen und „Clap Your Hand“-Rufen zum willfährigen Mitklatschen animieren. Benson hat solche Spielereien nicht nötig. Kaum erklingen die ersten Akkorde zu „Give Me The Night“, steht das Publikum auf und klatscht mit, bei der Zugabe „On Broadway“ und einem klug konzipierten, dennoch kraftvollen Solo des Drummers, ist die Stimmung bestens. Der Bassist und der Drummer lächeln sich immer wieder an, und als der Bassist meint, dass das Publikum das beste sei, vor dem er jemals gespielt habe, sagt er es glaubhaft genug, um all den Schmäh vergessen zu lassen, mit dem sich andere Musiker einzuschleimen versuchen. Tatsächlich dürfte Benson nach Dave Brubeck mit „Take Five“ einer der wenigen Jazz-Musiker sein, die ein großes Publikum mit ihrer Musik noch in Bewegung bringt. Bei ihm ist es die Musik, nicht die Animation, die die Menschen auf die Füße bringt.

Einige dieser Menschen stehen sich hinterher im Backstage-Bereich allerdings die Füße platt, um ihn ein in Blut und Schweiß getränktes Stück des Bühnenboden der Wiener Oper zu überreichen. Warum kommt er bloß nicht aus seiner Garderobe ’raus? Kann man länger als eine Stunde duschen, sich einölen, Leckerlis trinken, essen, rauchen?
Egal, er kann, weil er es kann. Doch als er dann erscheint, ist er die Freundlichkeit in Person. Fotos mit Fans? Ja, bitte. Signieren von Alben? Na klar! Shake Hands mit jedem – außer mit mir. Denn ich habe ja noch den Womack-Touch drauf. Ein Kollege allerdings greift zu, in der Hoffnung, eine Spur Benson-Magie alsbald in seinem eigenen Ukulele-Spiel wiederzufinden. Mal schauen, was ich am Sonntag in die Hände bekomme, wenn im Doppelkonzert China Moses, Randy Crawford und Joe Sample uns die Ehre in der Staatsoper geben. (Fortsetzung folgt)
Harald Justin

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