JazzFest.Wien Festival History

JazzFest.Wien 2013

Street Life

Wang Li & Wu Wei Duo | Kolintang Kawanua | Célia Mara
Rathaus/Arkadenhof
Randy Crawford & Joe Sample | China Moses
Wiener Staatsoper
7.7.2013

Alle Wege führen nach Wien, so ist es halt, dieses „Street Life“, bei dem chinesische Musiker der Welt die Friedensflötentöne beibringen, China Moses den Blues der Frauen hat und Randy Crawford & Joe Sample zum stilvollen Jazz in die Staatsoper einladen.

Das Jazz Fest Wien nähert sich dem Ende. Noch drei Tage sind wir eine verschworene, Fuß wippende Gemeinschaft. Was haben wir nicht alles gehört, was hätten nicht alles noch hören können? Den Auftakt setzte Bobby McFerrin in der Wiener Stadthalle, ein Vokalakrobat, der die tolle Technik beherrscht, beim Ein-und Ausatmen singen zu können. Das Thema Körperbeherrschung und Gehirnjogging setzte sich mit dem gagaistischen Humordekonstruktivisten Helge Schneider fort.

Spätestens bei seinem Auftritt am 27. Juni hatten sich auch schon das WUK und der Reigen als Auftrittsorte etabliert, etwa durch Konzerte von Bassekou Kouyate und Burkina Electric. Mit einem Konzert des indischen Meisterperkussionisten Trilok Gurtu kam das Porgy & Bess hinzu, in der Fernwärme gab es das obligatorische Freiluftkonzert, zum Auftritt von Bryan Ferry ging es dann erstmals in die Wiener Staatsoper. Das Jazzland leistete mit dem Auftritt von Warren Vaché seinen Anteil zu Jazz Fest Wien, und wer noch einmal ins Programm schaut, wird feststellen, dass seitdem oftmals mehrere Konzerten an einem Abend stattfinden. Multiple Persönlichkeiten werden das Problem wahrscheinlich leicht lösen können. Alle anderen haben entweder die Qual der Wahl oder müssen dem Thema Körperbeherrschung und Gehirnjogging eine weitere praktische Übung hinzu fügen: Körperbetontes Jogging von Konzert zu Konzert, einmal quer durch die Stadt.

So gab es am Sonntag im Arkadenhof des Rathauses das erste Konzert im Rahmen des Jazz Festes: Wang Li und Wu Wei hatten die Ehre, den Rathausinnenhof für das Jazz Fest einzuweihen. Und wie sie das machten, war wunderbar: Mit Maultrommel, Flöten und chinesischer Mundorgel erschlossen sie Klangwelten, die gleichzeitig exotisch und meditativ waren. Großartig, besonders auch, weil bei ihnen traditionelle Instrumente Chinas zum Klingen kamen, die sich weit weg von unserem westlichen Instrumenteneinerlei zwischen Gitarre, Piano, Geige, Klavier und Saxofon bewegen. Und natürlich gab es passend zur Musik auch die spirituelle Botschaft von der Frieden stiftenden Kraft der Musik. Mehr davon!

Wer danach nun das indonesische Perkussionsorchester Kolintang Kawanua oder die brasilianische und kämpferische Sängerin Célia Mara erleben wollte, aber gleichzeitig auf die Sängerin China Moses, Randy Crawford & Joe Sample in der Oper nicht verzichten wollte, musste ganz schnell laufen, sich entscheiden oder sich teilen können.

In der Oper jedenfalls betritt China Moses die Bühne, lasziv sich an einem Glas Rotwein festhalten, das im Backstage-Bereich übrigens passend zur Farbe ihrer mit glitzernden Pailletten besetzten Highheels ausgesucht wurde. Begleitet von der Band Raphael Lemonniers, endlich einmal auch tontechnisch perfekt ausgesteuert, erobert sie bereits mit Singen der ersten Töne das Publikum.

Sie hat den Blues, den der Mami Smith, die mit dem „Crazy Blues“ 1920 den ersten Blues der Schallplattengeschichten aufnahm. China Moses, Tochter der großartigen Jazz-Diseuse Dee Dee Bridgewater, outet sich im Verlauf des Konzerts als Fan von Dinah Washington und „Little“ Esther Phillips. „Andere sind Fans von Justin Bieber und Lady Gaga, ich eben von Dinah Washington“, erklärt sie und singt mit „Why Don’t You Do Right“ einen weiteren Klassiker aus der Welt, in der Frauen seit mindestens einem Jahrhundert den Blues haben.

Dann folgt eine rasante Version von Oscar Brown Jr.’s „Work Song“, Donna Summers Disco Hit erhält eine Swing-Behandlung, und ihr fliegen alle Herzen zu. Die gewinnt sie auch, weil sie mit viel Humor und Selbstironie die einzelnen Songs vorstellt, und damit Einfühlung und Mitswingen erleichtert Eine große Entdeckung und für viele Besucher, die nur wegen Randy Crawford gekommen sind, sicherlich eine freudige Überraschung!

Überraschungsfrei dann natürlich der Auftritt von Joe Sample und Randy Crawford, alte Bekannte des Jazz Fest. Mit Sample und Raphael Lemmonier kommt erstmals auch der volle Klang des Fazioli-Klaviers zur vollen Geltung. Nach einigen von ihm ebenfalls sehr unterhaltsam eingeleiteten Piano-Stücken, kommt Randy Crawford auf die Bühne, setzt sich auf ihren Hocker, lässt die Beine baumeln und singt, so wie sie es schon bei ihrem Auftritt zuvor auf dem Jazz Fest Wien getan hat. Wir kennen das, und freuen uns auf das wahrscheinlich 8.312 Mal, bei dem sie „Street Life“ singt.

Selbst China Moses und ihre Band können sich nicht zur Abreise entschließen und schauen gebannt auf Bühnengeschehen. Nach dem Konzert geben sich China Moses und Randy Crawford gegenseitig Bussis und beglückwünschen sich. „What a show!“, schwärmt China Moses und erinnert sich, dass sie Randy Crawford das letzte Mal vor zehn Jahren bei einem Konzert in Italien mit ihrer Mutter gesehen.

Dann gibt es noch mehr Bussis. Da drängelt man sich gerne vor. Noch wirkt der Händedruck Bobby Womacks bei mir in Form einer immer dunkler werdenden Hand nach, und der Kollege, der sich einen Handsegen bei George Benson abholte, versichert glaubhaft, dass der Geist des Jazz in seine Ukulele gefahren sei und sie praktisch von alleine spiele. Was bewirkt dann erst ein Kuss auf die Wange? Werde ich morgen singen können wie eine Göttin? Sollte es wirklich Zufall gewesen sein, dass Joe Sample ein Stück Marie Leveau, der großen Voodoo-Priesterin aus New Orleans, widmete – und am Montag im Rathausinnenhof Trombone Shorty aus New Orleans zudem alle bösen Geister austreiben will? (Fortsetzung folgt)
Harald Justin

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