Jazz Fest Wien Festival History

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Jazz Fest Wien 2013: Review

Gewittergott und Pustefix

Trombone Shorty | Shuggie Otis
8.7.2013 Rathaus/Arkadenhof

“Iko Iko”, “A Wop A Loop Bam Boom”, “Shurah, Shurah” oder gar “Ooh Poo Pah Doo” – wer diese Worte nicht versteht, hat die Essenz des Jazz nicht verstanden. Trombone Shorty, der am Montagabend im Arkadenhof des Rathauses aufspielte, hat die Botschaft des Jazz verstanden. Nicht zuletzt, weil sein Onkel Jessie Hill mit „Ooh Poo Pah Doo“ einen der ganz großen Hits des New Orleans R&B schrieb.

Doch bevor Trombone Shorty zur Posaune griff, spielten S.O.D.A., das neue Bandprojekt des Bassisten Oliver Steger, auf dem Rathausvorplatz und stärkten unter viel Beifall mit melodiösem Songs und der fabulösen Stimme von Sarah Bidner den Anteil österreichischer Musiker am Jazz Fest Wien.

Danach ging es zum Soundcheck der Band von Trombone Shorty. Gitarrist und Bläser sind anwesend und grooven sich mit Gitarenriffs und Gebläse ein. Hört sich noch ziemlich schräg und nur laut an, Was das wohl geben wird?

Danach schließt Shuggie Otis seine Gitarre an. Der Mann ist eine Legende und ein „kommender Gitarrengott“, seit er als Kleinkind eine Gitarre vom legendären T-Bone Walker geschenkt bekam und in der Band seines Vaters Johnny Otis als 13jähriger in den sechziger Jahren die Leadgitarre spielte. Er hatte es buchstäblich in der Hand, der kommende Gitarrengott zu werden, gleichberechtigt wenn überhaupt nur mit Hendrix. Irgendetwas kam dazwischen, doch er machte dort weiter, wo Hendrix aufgehört hatte: Er vermischte Blues, Funk und eine Spur Psycho, doch nach drei Alben war Schluss, und er spielte weiterhin lieber in der Band seines Vaters R’n’B, als seine Solokarriere zu verfolgen.

Und nun stöpselt er im Arkadenhof des Rathauses in Wien seine Gitarre ein und schickt ein göttliches Riff nach dem anderen gen Himmel. Ein Sonarblitz für Jimi Hendrix, mitsamt Wah-Wah und Hall, ein zweiter Blitz für Muddy Waters, tiefster Blues, dann ein Funk-Gewitter. Göttlich.
Dann erscheinen die Bandmitglieder, bis auf den Saxofonisten allesamt Familienmitglieder. (Davon, dass in Amerika mittlerweile viele Familienclans aufspielen, vom Marsalis Clan hin zu den Neville Brothers, kann Udo Jürgens nur träumen!) Je mehr Musiker sich an die Verstärker anschließen, um so schlechter wird der Sound. „Noch mehr Bass!“ – „Noch mehr Second-Guitar“. Irgendwann ist der Soundbrei fertig. Es entzieht sich jedem Verständnis, warum der Klang so kaputt gemischt wird. Der nachtragende Chronist wandelt vom Mischpult zur Bühne und zurück, überall ist der Sound gleich schlecht. Nirgendwo sind die Ansagen von Shuggie Otis auch nur halbwegs verständlich. Warum sagt ihm das niemand? Will er das so?

Beim Konzert wird es nicht besser. Der Sound ist unerträglich, der Bass viel zu laut, der Gesang zu leise und nur ab und zu blítzen in den Gitarrensoli jene vielbeschworenen Momente der Genialität dieses Musikers auf. Er kann es viel besser. Die Zugabe mit einem langen Gewitterdonner an kosmischen Klängen lässt erahnen, wozu dieser Gitarrengott fähig ist

.

Mit Ahnungen hält sich Trombone Shorty nicht lange auf. Hey, der Mann kommt aus New Orleans, der Geburtsstätte des Jazz. Er hat die Musik dank seiner musikalischen Familie in die Wiege gelegt bekommen, und er versteht sich auf die Kunst des Jazz, die da heißt: Mach uns glücklich, mach uns frei!

Die Geburtsstunde des Jazz in New Orleans schlug bekanntlich, als die afroamerikanischen Sklaven erkannten, dass sie mit ihrer Musik die Werte der weißen Gesellschaft auf den Kopf stellen konnten. Gegen die protestantische Arbeitsethik setzten sie die Lust am Feiern, gegen die Zwangsverpflichtung auf die Logik der weißen Sprache setzten sie auf einen Sprachenmix aus Nonsense-Silben, indianischen, irischen und afrikanischen Zaubersprüchen – Joe Sample sprach auf seinem Konzert davon – „Iko Iko, fena-nay!“

Es ist die Lust an der Umkehrung aller Werte, die den Jazz bestimmt. Da kommt ein Helge Schneider ebenso richtig wie eben der Trombone Shorty. An diesem Abend lädt er ein, etwa zum Karneval in New Orleans, zum Mardi Gras, der wildesten Umkehrung aller Zwänge sowieso. Er lässt die Heiligen der Letzten Tage mit den „When The Saint Go Marching In“ aufmarschieren, bläst Posaune und Trompete mit unverminderter Kraft, während die Band sofort den Rhythmuspunkt getroffen hat, der die Becken aller Anwesenden zum Kreisen bringt. „Well, it’s funky!”. Er bläst einen Chorus nach dem anderen, wo normale Menschen schon längst luftentleert wären. Und selbstverständlich kommt es zum einzigen Drumsolo dieses Festivals, bei dem nicht ein Drummer sinnentleert auf die Felle drischt, sondern nur hier und nur bei Trombone Shorty beteiligt sich die ganze Band an einem perkussiven Miteinander höchst mitreißender Rhythmik an der Trommel. A Wop A Loop. Das umgedrehte Drum-Solo. Das ist Jazz, wie er sein soll. Zum Feiern mitreißend. Die normale Gebrauchslogik in befreiender Weise auf den Kopf stellend und Besucher des Konzerts mit breiten Grinsen und bewegten Körperteilen nach Hause schickend.

Einen kurzen Moment überlege ich, ob mich von Trombone Shorty auf den Mund küssen lassen soll, damit etwas von seiner Magie auf mich übergeht. Aber morgen, am Dienstag, kommt ja auch noch James Carter. Und der ist auch verdammt gut. Hm. (Fortsetzung folgt)
Harald Justin

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