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Bobby McFerrin & Guests - Special Guest: Thomas Quasthoff

Was ist ein Jazz Fest, wenn es nicht der Begegnung von Menschen dient?
Und was kann mir noch passieren, wenn Bobby McFerrin keinen Frack trägt und mir ein Schweißtuch entgegen gedrückt wird?
Bin ich heute wirklich beleidigt worden? Jemand rief mir zu: „Bist wohl behindert, was?!“ – nur weil ich auf der falschen Seite der Rolltreppe stand! Immerhin war ich auf dem Weg zum Jazzfest. Und da erinnere ich mich doch an den Spruch „Women are the niggers of the world“ und an das, wofür, bei diesen gleich zwei Beleidigungen in einem Satz, Jazz einsteht: Als Jazz-Fan liebe ich die „Nigger“-Musik nicht nur für die Rhythmen und Melodien, sondern auch, weil es im Jazz keine „Nigger“ gibt, sondern Künstler und Magier, die die Welt mit ihrer Musik verzaubern. Weil im Jazz Frauen wie Bessie Smith, Billie Holiday oder auch Nina Simone oder Regina Carter nicht zweite, sondern erste Wahl sind. Und weil im Jazz Blinde wie Ray Charles oder Verwachsene und körperlich Benachteiligte wie Chick Webb oder Little Jimmy Scott zu Giganten werden können.

Nun aber rein ins Konzert, in die heilig-feinen Hallen der Wiener Staatsoper. Bobby McFerrin und Thomas Quasthoff warten. Der eine ist schwarz, der andere behindert, beide sind großartig. Der eine ist ein Jazz-Sänger, der die Welt der Klassik mit ungewohnten Mitteln erobert hat, der andere ein Sänger aus der Klassik, der eine Vorliebe für Jazz hat. Soll ich mir da den obersten Knopf des Hemdes zumachen oder doch lieber offen lassen und mich einfach der Musik öffnen?

McFerrin jedenfalls kommt im bequemen Schlabberlook, und wer weiß, dass Afroamerikanern vor einigen Jahrzehnten noch der Zutritt zur Klassik verwehrt blieb, stockt der Atem. Den hat ja auch McFerrin nötig, der in waaghalsiger Stimmakrobatik zeigt, wofür Stimmen gut sein können: sie dienen der Kommunikation, etwa mit seinem prominenten Gast oder mit Gästen aus dem Publikum. McFerrin spielt und singt mit dem Publikum, er holt es sogar teilweise zum Mitsingen auf die Bühne, er ist ein Stimmen- und Menschenfänger. Sinnlose Silben, von ihm singend aneinandergereiht, machen da Sinn, wo er mit ihnen die Herzen der Menschen fängt. Ein großer Lautmaler, dieser Bobby McFerrin, der seinen Solo-Auftritt so perfekt abwechslungsreich gestaltet hat, dass es eine Freude ist. Dass ich mich da auf den morgigen Abend freue, wenn er erneut auftritt, wundert das?
Meine nächste Begegnung an diesem Abend findet dann noch im WUK statt. Hazmat Modine, eine Truppe aus New York, spielen ein wüste Mischung aus Klezmer, Punk, Reggae und Blues. Zwei Mundharmonikas treffen auf ein Klarinette, eine Trompete, zwei Gitarren, eine Tuba und einen Sänger, der mit skurrilem Humor gesegnet ist und während der Ansagen schon einmal über Goldfische philosophiert. Der Saal tanzt, es ist sooo warm, die Gruppe, die vor einem Jahr im Porgy & Bess auftrat, hat mittlerweile ein kleine, tanzwütige Fan-Basis in Wien, kein Wunder eigentlich bei einem Chef wie Wade Schuman, der mich nach Ende des Konzerts gegen sein nassgeschwitztes T-Shirt drückt. Das Schweißtuch eines Juden – wem kommt das nicht bekannt vor? Da habe ich jedenfalls mein Hemd schon weit offen und freue mich längst auf weitere Beleidigungen und den morgigen Abend, wenn es wieder heißt „OwWopBobeepbapbab – don’t worry, be happy“
Harald Justin
Posted by Jazz Fest Wien/Team am 01.07.2008 .
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