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Bobby McFerrin & Guests - Special Guest: Gert Voss
Na, es ist schon ein Wunder. Und damit meine ich nicht das Schweißhemd von gestrigen Abend, das in seiner Urform von der hl. Veronika gehalten, die Blinden sehend macht, Krüppel laufend und Aussätzigen eine Babyhaut beschert. Nein, gemeint ist das Stimmwunder Bobby McFerrin, der den zweiten Abend seiner Kunst in der Wiener Oper mit wagemutigen Abfolgen von Bass- und Falsett-Tönen zelebriert.
Wann er, der „artist in residence“ des Festivals denn gedenke, nun endlich einmal Resident, also Bewohner, Wiens zu werden, frage ich ihn im Backstage-Bereich. „Oh, Mann, ich bin doch schon Ehrenbürger“, lacht er und schüttelt die Rastalocken. Und wahrscheinlich wünschen sich alle Städte mit den jeweiligen angeschlossenen Universitäten, an denen er Gastprofessuren unterhält, dass er doch bitte dort auch seinen Hauptwohnsitz aufschlägt. Und überall erklänge dann sein „Don’t Worry, Be Happy“?
Eher nicht. Denn als sein Konzert am Schluss zu einem Wunschkonzert wird und der Wunsch nach seinem Erfolgshit von 1988 geäußert wird, schüttelt er sich nur: „Das habe ich 8 Millionen Mal gesungen. Irgendwann reicht es.“

Und er freut sich, wenn die Gäste, die er auf die Bühne bringt, ihm Herausforderungen abverlangen. „Ich brauche das, diese Herausforderungen. A change must come“, lacht er und zitiert damit einen Song von Sam Cooke, mit dem einst die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung auf die Straßen ging. Dass Solomon Burke, der heuer noch beim Jazzfest zu erleben sein wird, diesen Song ebenfalls gesungen hat, was McFerrin von ihm und seinem alten Kumpel Chico Freeman hält, der heute und morgen Abend im Rahmen des Jazz Fest im Jazzland spielt, diese Fragen kann ich gar nicht mehr stellen. Denn besonders voluminöse Fans sind ihm in den Garderobe-Bereich gefolgt. Schubsen können die gut. Wofür Körper doch gut sein können – aber vielleicht ist auch das eine Lehre aus der Musik McFerrins? Klopft er sich nicht dauernd auf die Brust, nützt den Brustkorb als Resonanzkörper? Zugegeben, Opernsänger machen so etwas nicht. Allein die One-Man-Band McFerrin macht’s in Opernhäusern, und er trommelt dabei seine Vokalakrobatik in einen swingenden Jazzgroove hinein, der selbst dann nicht aufhört, wenn er Zitate aus der Klassik, afrikanisch anmutende Click-Laute oder gar Lautmalereien aus Comics aufnimmt. „Mann, ich liebe diese Trickfilme, ich sauge alle diese Klänge auf“ – und er gibt sie weiter an ein Publikum, das gerne zu ihm auf die Bühne kommt, um mit ihm ein „Boo-boom“ anzustimmen. Der Rhythmus pulst, aber er besteht aus purer Höflichkeit, nicht aus Schubsen.
Nein, Unhöflichkeit lehrt McFerrin nicht. Die Musik, die er aus seinem Körper holt, ist so körperbetont, dass sie selbst einen christlichen Choral mit Wurzeln aus Amerika und Afrika kurzschließt.

Warum ich jetzt wieder an das Schweißtuch der hl. Veronika denken muss? Keine Ahnung. Liegt’s an McFerrins sichtbar durchnässten Hemd oder daran, dass morgen Abend Sinead O’Connor auftreten wird. Und hat sie, diese Anti-Christin, nicht einmal ein Bild vom Papst…, halt, nein, es liegt sicherlich daran, dass morgen ebenfalls die Last Prophets ihre Erscheinung im WUK angekündigt haben. Die letzten Propheten heißen natürlich nicht so, sondern sind unter ihren Namen Last Poets bekannt, obwohl sie eigentlich die ersten und keinesfalls die letzten waren, die Mitte der sechziger Jahre poetisch mit Reimen und Rhythmus den Rassismus in den USA geißelten. Sie machten es mit Worten und Trommelwerk, wollten, dass selbst die Blinden sehen konnten, was denn so falsch in Amerika lief. Heute sind sie mit ihrer Erweckungsarbeit immer noch unterwegs.
Irgendwie werden ich den Gedanken nicht los, dass die Last Poets, Solomon Burke und Bobby McFerrin Brüder im Geiste sind. Selbst dann, wenn ihre jeweilige Antwort nach dem Grund ihrer Inspiration anders ausfallen würde als die von McFerrin. Der sagt einfach: „Oh Jesus“ – und lacht. Und damit mache ich die Augen zu und werde sie erst morgen wieder öffnen.
Harald Justin
Posted by Jazz Fest Wien/Team am 02.07.2008 .
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