Jazz Fest Wien Blog
 

Abdullah Ibrahim . Charles Lloyd Quartet 04.07.2008

Charles LloydFrauenpower und Vokalakrobatik sind vom Jazz ebenso wenig zu trennen wie Ich-Findung, modische Eleganz und spirituelle Sehnsucht.
Wer all das zusammen denken kann, konnte am Freitagabend zwei Jazz-Legenden mit zusammen knapp 140 Jahren Lebenserfahrung erleben, die wissen, wie es sich lebt.

Mutter Bernadette Maria vom Orden der Mutter Gottes, besser bekannt als der gestrige Star beim Jazz Fest, Sinead O’Connor, soll zwischen 150 000 und 200 000 britische Pfund für ihren Titel bezahlt haben, - was meinereins ziemlich egal ist, solange sie ihre Berufung und ihre spirituelle Sehnsucht ernst nimmt. Und außerdem habe ich weder 150 000 noch 200 000, sondern höchstens die üblichen Pfunde zuviel auf Rippen und Hüften. Aber was nutzt da die Verzweiflung und das Jammern? Das meint übrigens Abdullah Ibrahim auch. „Wenn sich alte Männer treffen“, scherzt der knapp 74-jährige Pianist, Jazz Fest-Veranstalter Fritz Thom im Arm und auf offensichtliche Zeichen des Alterns hinweisend, „dann reden sie nur über ihre Krankheiten. Wenn sich junge Männer treffen, reden sie nur über die Liebe. So come on, let’s make love!“ Yippie!

Abdullah Ibrahim Abdullah Ibrahim

Stattdessen geht er dann aber doch lieber Grünen Tee trinken. „Ich muss auf meine Gesundheit achten.“ Selbstsorge nennt man das wohl. Zu ihr gehört, dass er seinen sehr schicken, im perfekten Faltenwurf fallenden schwarzen Anzug selbst entworfen hat. „Ich bin mein eigener Schneider und Designer. Das ist mein Entwurf!“ Entsprechende Komplimente gibt er natürlich sofort zurück. Charming ist er also auch noch, selbst dann, wenn man im üblichen Arbeitsdress des Journalisten daherkommt.
Zur Selbstsorge zählt natürlich ebenso, dass der Südafrikaner seine Musik mit spiritueller Sehnsucht auflädt, die Spiritualität Afrikas mit der des Jazz kurz schließt. Zufall, dass in seinem Pianospiel an diesem Abend immer wieder Zitate von Thelonious Monk, dem Jazz-Mönch, auftauchen?

Charles Lloyd Charles Lloyd Quartet

Zufall, dass er an die Musik als „healing Force“, als Heilkraft, ebenso glaubt wie der zweite Star des Abends, Saxofonist Charles Lloyd? „Die Musik“, so der immer noch voller Elan und körperlicher Fitness steckende 70-jährige, „ist ein Geschenk an uns. Und wir Musiker müssen sie weitergeben. Musik kann die Welt nicht ändern. Die Welt ist voller Elend, aber die Musik kann den Menschen helfen, sich über sie zu erheben!“ Sagt’s und freut sich, als er ein Stückchen des Bühnenbodens der Wiener Oper überreicht bekommt. „Da steckt der Schweiß und das Blut sehr vieler berühmter Schauspieler und Musiker drin!“, sage ich und für Lloyd ist eines klar: “Dann werde ich nur nackt und barfuss über diese Bohle schreiten.“ Auch ein Weg, Spiritualität und Mode einander näher zu bringen.

Wie das wohl aussehen wird, wenn Solomon Burke am 11. Juli über die Bretter, die die Welt bedeuten, geht? Immerhin ist er recht schwergewichtig und eben Bischof seiner eigenen Kirche, der das biblische Wort „Seid fruchtbar und mehret euch“ so ernst nahm, dass er längst mit einer wahren Kinderschar gesegnet ist. Das ist wahre Berufung und spendet Trost in diesen Zeiten, in denen morgen Abend Roberta Flack das Lied von der Liebe anstimmt, die tötet. Na, dann doch lieber ein paar Pfund mehr.
Harald Justin

Posted by Jazz Fest Wien/Team am 04.07.2008 . Permalink

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