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Caetano Veloso / Fernwärme Open Air 05.07.2008
Das Wochenende beginnt am Samstag.
Beim Jazz Fest gleich mit so vielen Konzerten, dass es einen schier zerreißen muss, will man sie alle erleben. Immerhin winken Little Feat und Caetano Veloso, Tower of Power - und das zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten. Was macht der Musik-Fan da?
Einen schönen langen, etwas eiligen Samstag wollte ich mir machen, heute. Erst in die Fernwärme, um mir dort die Horny Funk Brother, featuring Hubert Tupps, Little Feat und Tower of Power anzuhören und dazwischen in der Staatsoper Roberta Flack. Muss man ja alles einmal gesehen und gehört haben. Also los!
Noch ist der Platz am Fernwärme-Gelände nur halb voll. Viele Männer mit Bärten oder wenigstens mit zu Pferdeschwänzen zusammengebundenen, grau-schütteren Haaren. Langsam, aber sicher werden es aber mehr, und als die geilen Stinke-Brüder, wie ihr Name korrekt übersetzt lautet, spielen, füllt sich das Gelände mit Haaren und den dazugehörigen Menschen. Zu Recht, die Band um Sänger Hubert Tubbs, einst Sänger bei Tower of Power und mittlerweile in Wien lebend, versteht sich auf’s Einheizen.

Im Catering-Bereich herrscht noch gähnende Leere. Von Bobby McFerrin, Sinead O’Connor Charles Lloyd und Abdullah Ibrahim weiß ich ja von der spirituellen Seite der Musiker, aber dass sie gar nichts essen, nur Sinnsuchen und grünen Tee trinken – geht sich das aus?
Immerhin schlurfen jetzt, während ich Schinken, Melonen, Nudeln und Salat esse, einige alte Männer herein. Sind wohl die Fernwärme-Einheizer oder die Hausmeister. Wahrscheinlich aber die Putzkolonne. Die kennen sich untereinander, begrüßen sich. Die Jeans sind fleckig, mitunter wohl in Handarbeit unterhalb der Knie mittels der Nagelschere gekürzt, mit der sich die Truppe wohl gegenseitig auch die Haare frisiert, die Hemden sind zerknautscht. Arme Hackler. Einer trägt einen Rucksack, der genauso groß ist wie sein Bäuchlein, ein anderer ist klapperdürr und trägt ein T-Shirt vom letzten Playboy-Jazz-Festival. Ja, davon träumt du wohl, wenn du die Rente verjubeln kannst! Aber, Alter, lass es dir gesagt sein: mit diesen morschen Knochen wirst du es höchstens bis vor die Kassa schaffen, aber nicht weiter!
Immerhin macht sich die Putzkolonne über’s Buffet her. Offensichtlich wird das Fleisch reklamiert. Mir hat die Herrin über die Töpfe erklärt, das braungebratene Grillteilchen wäre Huhn. Nun muss sie, der Putzkolonne erklären, dass es sich um Spanferkel handelt. Warum mir jetzt gerade die Zeile des bekanntesten Little Feat – Songs „Dixie Chicken“ in den Kopf kommt, wo es heißt: „If you’ll be my Dixie Chicken, I’ll be your Tennessee lamb“? Keine Ahnung. Ist wohl Geschmackssache.
Vielleicht liegt’s daran, dass auf der Bühne gerade Little Feat und ihr Hit „Dixie Chicken“ angekündigt werden? Immerhin, die Putzkolonne setzt sich in Bewegung. Ich auch. Die Putzkolonne erklimmt die Bühne. Ich nicht.
Und dann stöpseln sich die alten Männer an elektrische Geräte an und - hui – verwandeln sich in formidable Rocker, die mit vertrackten Rhythmen und lauten Gitarrensoli klarmachen, dass sie Little Feat sind. Wieder was dazu gelernt. Gerade auch etwas über verpatzte Gelegenheiten. Hätte ich gewusst …, dann hätte ich ja so viele Fragen gehabt an die alten Idole. Aber so …weiß ich nur eines: Verachte nie eine Putzkolonne.
In der Pause fahre ich schnell in die Staatsoper. Glücklicherweise hat das Konzert von Roberta Flack noch nicht angefangen. Die Diva zickt, will noch nicht auf die Bühne. Die vielen Leute machen sie, so heißt es, nervös. Als sie dann auf der Bühne erscheint, bin ich doch erstaunt: der Afrolook von einst ist verschwunden, die afroamerikanische Schwärze einem braunem Teint gewichen, und sie spielt gar kein Klavier, sondern Gitarre. Und singt entlang brasilianischer Rhythmen mit wunderschöner Männerstimme samtweiche Lieder. Roberta Flack? Schon wieder eine Täuschung? Wo bin ich da hingeraten?

Ein kurzer Blick ins Programmheft soll in solchen Fällen ja immer helfen. „Caetano Veloso“ ist dort für den heutigen Abend angekündigt. Habe ich mich doch glatt verlesen. Aber mit Gewinn: der Brasilianer zelebriert hohe Kunst, und das Publikum singt sogar mit. Wie viel Brasilianer gibt es eigentlich in Wien? Veloso zeigt sich jedenfalls beim Nachgespräch begeistert: „Sie haben mir beim Singen geholfen. Das war wunderbar!“ Und er, von dem es heißt, er sei schwierig, würde außerhalb seines Auftritts kein Wort reden, er, der alle mit seinen Sonderwünschen tyrannisiere, ist so attraktiv wie liebenswürdig und höflich. „Wie bitte“, fragt er, „ich sei der Bob Dylan Lateinamerikas? Ich habe kürzlich ein Dylan-Konzert besucht. Sehr schön, sehr lustig. Aber ich könnte nie wie Dylan auf eine ‚Never-Ending-Tour’ gehen. Er ist ein Genie. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Ich war jetzt ein Jahr auf Tour. Das reicht mir.“ Und dann geht er, und dann ist da schon eine Spur Einsamkeit und Melancholie in diesem Weggehen durch die stillen Gänge der Wiener Staatsoper.
Mir reicht’s auch für diesen Abend. Leise und intensiv war es mit Veloso. Soll ich da noch einmal zur Fernwärme zurückfahren? Mir Tower of Power mit viel Gebläse, laut und heftig, geben? Nein, dann doch lieber mit dem Eindruck eines intensiven Erlebnisses zurück ins traute Heim. Das kann reichen. Heilsame Ruhe und Einsamkeit liegen manchmal nur einige Laufmeter entfernt.
Harald Justin
Posted by Jazz Fest Wien/Team am 05.07.2008 .
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