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Roberta Flack . Rounder Girls 06.07.2008 Wiener Staatsoper
Schon einmal das Gefühl gehabt, etwas zum wiederholten Mal zu erleben? Etwa dann, wenn Torten und Diven kreisen und in der Staatsoper zur Musik gerufen wird, die alt, langsam und recht schön ist?
Dunkel ist die Erinnerung, schnell vergeht die Zeit. Kann ich mich noch erinnern, wo ich mich am Freitag, dem 27. Juni um 17 Uhr befand? Kann das überhaupt jemand? Glücklicherweise erhalte ich an diesem Abend in der Wiener Staatsoper einen Musenkuss von drei Schwergewichtlerinnen der Sangeskunst. Die Rounder Girls treten auf – ja, und da kommt die Erinnerung wieder: mit ihnen begann ja im Museumsquartier am Freitag um 17 Uhr das Jazz Fest Wien. Und da sind sie schon wieder, kein Gramm dünner. „Wie macht ihr das eigentlich, so in Form zu bleiben?“, frage ich mit gutem Grund, da ja der Trio-Name mit jedem verlorenen Kilo in Frage gestellt werden würde. Großes Gelächter in der für drei Damen mit Volumen doch recht engen Garderobe. „Wir lieben es zu essen. Und wir essen alles gerne. Besonders das, was auf den zweiten Teller passt!“ Kicher. So gehört jedes Essen zur Zukunftsplanung der Rounder Girls, der Faktor Zeit wird quasi mit jedem Pizza-Stück, jedem Käsekrainer und jeder Torte mitgefuttert. Das Essen für die Zukunft scheint sich dieses Jahr für sie bereits ausgezahlt zu haben: Andere Stars brauchen normalerweise einige Jahre, um zum wiederholten Mal auf dem Jazz Fest Wien spielen zu dürfen. Die Rounder Girls haben es als erste geschafft, in einem Jahr auf dem Fest gleich zweimal singen zu dürfen. Sie überspringen damit praktisch ein, zwei Jahre. Eine Premiere für drei Zeitenspringerinnen. Verbrechen lohnen sich nicht, viel Essen anscheinend wohl doch.

So schnell die rundlichen Drei sind, so langsam ist Roberta Flack. „Wann kommt sie denn endlich?“ und „Ist sie wirklich schon da?“ und „Wo ist sie?“ wird bang im Backstage-Bereich gefragt. Was dann den Raum für einen Termin für die Fotografen betritt, scheint aus einer anderen Welt zu kommen und ist so langsam wie bonbonrosagrell kostümiert. Nein, das liegt nicht an ihrem Alter, das hier nicht verraten wird, sie aber zur Altersgenossin etwa von Charles Lloyd und Abdullah Ibrahim macht, und ihr naturgemäß jugendliches Herumgehopse verbietet. Die amerikanische Diva war immer schon für ihr Hinterherhinken hinter der Zeit berühmt. Langsamkeit ist das Markenzeichen ihres Gesangs und ihrer Songs. Und während andere Musiker ihrer Generation einst auf den Soultrain aufsprangen, übte sie sich in Aufführungen von Musik, etwa Verdis „Aida“, die hunderte Jahre alt war. Das erste Album, das sie aufnahm, wurde erst drei Jahre später ein Erfolg, ihren größten Hit „Killing Me Sofly With This Song“ hatte sie sieben Jahre im Repertoire, bis er 1973 Nummer 1 in den amerikanischen Charts wurde. 35 Jahre später beginnt sie mit diesem Lied das Konzert in Wien. Es fällt leicht, mit Roberta Flack aus der Zeit zu fallen.

Ein Fotograf hat eine kleine runde, schwarze Plastikscheibe mitgebracht und lässt sie sich von ihr signieren. „Das ist ein Tondokument aus dem vorigen Jahrhundert. Eine so genannte Single!“ wird mir bedeutsam erklärt. Irgendwo habe ich so etwas auch schon einmal gesehen. Aber wo und wann? Dunkel ist die Erinnerung, schnell vergeht die Zeit. Kaum angekommen in Wien, ist Roberta Flacks Konzert auch schon zu Ende. Kann die Zeit im Fluge vergehen? Immerhin drückt sie mir zum Abschied einen fettroten Lippenstiftkuss in das goldene Signierbuch des Jazz Fest Wien, und da kommen auch schon die gewaltigen Rounder Girls herbei, nehmen sie zusammen mit vier 8000 Kalorien schweren Tortenstücken in die Mitte und fliegen mit ihr zurück in die Zukunft, wo sie einen Song schreibt, der in hundert Jahren ein Hit werden wird.
Harald Justin
Posted by Jazz Fest Wien/Team am 06.07.2008 .
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