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Nicolas Simion Trio . Bernd Satzinger’s Wurschtsemmerl / c.o.d.e.
Röhrende und quietschende Saxophone beim Jazz Fest Wien?
Kein Problem am Dienstag, wenn Melodien des Balkans auf die der Free Jazz – Legenden Coleman und Dolphy treffen. Und wenn dann noch ein Wurschtsemmerl seinen Senf dazu gibt, ist der Abend gerettet.
Kennt doch jeder, nicht wahr, diese große Leere. Oder? Vorgestern war es bei mir wieder soweit. Die Rounder Girls hatten mich verlassen, mitsamt allen Torten und Würsten. Der Kühlschrank war total leer! Total leer! Wer je Chaplins Film über das große Hungerleiden beim amerikanischen Goldrausch gesehen hat, kennt die Folgen: unweigerlich verwandelt sich alles, was zwei Beine hat und reden kann in etwas, das nicht reden kann und lecker schmeckt.

Und ausgerechnet an diesem Abend spielen im Bank Austria Kunstforum nicht nur Nicolas Simion, der mit seinen diversen Holzblasinstrumenten Feuervögel durch die Welten des Jazz und des Balkans schickt. Er schenkt mir sogar seine neue DVD „Transsylvanian Grooves“ – er ist halt ein Gentleman – , aber irgendwie habe ich immer Wurschtsemmerl vor Augen. Weil eben auch noch Bernd Satzinger’s Wurschtsemmerl spielen. Ob ich ihn frage, wo es in Wien die besten Wurschtsemmerln gibt? Klar. „Natürlich bei …“, er nennt einen Namen, den ich verschweige, damit mir morgen beim Einkauf niemand zuvorkommt und fügt hinzu: „Aber nimm die mit Käse!“ Und wo sollte man Wurschtsemmerln nie essen? „Auf Autobahnraststätten!“ Und warum sind Wurschtsemmerln so gesund? „Wegen der Wurscht!“ Und machen Wurschtsemmerln eigentlich sexy? „Eher nicht. Die machen höchstens Mundgeruch!“ Oops, wer will den schon?

Also gehe ich durch das nächtliche Wien, allen Würstl-Ständen tapfer aus dem Weg gehend. Auch wenn ich um mich herum zahlreiche Wurschtsemmerln herum laufen. So richtig vorwärts komme ich auch nicht. Nicolas Simion hatte empfohlen, bei einem seiner Songs mitzutanzen. Wer schon einmal versucht hat, bei energetischen, auf Balkan-Melodien beruhenden, Free Jazz – Gefilde streifende Songs mit zu tanzen, weiß, dass schlimmste Beinverknotungen die Folge sind.

Getanzt wird auch im Porgy & Bess. Ein einzelner junger Mann nutzt die Gunst der späten Stunde und zappelt ab zur Musik von c.o.d.e., einem Quartet, das dem Jazz von Ornette Coleman und Eric Dolphy huldigt. Die Promidichte ist hoch an diesem Abend, und wer etwa beim Little Feat – Konzert im Publikum auf den Bluesgitarristen Hans Theesssink traf, kann heute noch weitere Treffer verbuchen. Gitarrist Andy Mandorff ist da, eine Dame vom Cracked Anegg, die ihr Label an einem Tag des Jazz Fest Wien präsentieren werden, steht ebenso auf der unteren Treppe wie Helge Hinteregger, der jüngst auf dem Jazz Fest mit seinen Kehlkopf-Experimenten sogar den gestrengen Kritiker des „Standard“ beeindruckte. Selbstredend befindet sich der besagte Kritiker ebenso unter dem Publikum wie der frischgekürte Ernst-Krenek-Preisträger Franz Koglmann. Der ist übrigens ein begeisterter und überaus fähiger Koch. Vor einigen Monaten hat er mich zum Essen eingeladen. Es gab natürlich keine Wurschtsemmerln.
Bevor ich gehe, frage ich noch den Saxophonisten von c.o.d.e., welchen Sinn es eigentlich macht, den Jazz von einst nach zu spielen. Ken Vandermark antwortet: „Die Musik von Ornette Coleman oder Dolphy zu spielen, macht ebenso so viel Sinn wie den, etwa einen Klassiker wie ‚Autumn Leaves’ zu reinterpretieren.“ Schön, dass Free Jazz –Titel mittlerweile in den Rang von Standards erhoben worden sind. Auch wenn das möglicherweise nicht unbedingt das ist, was sich die Großväter dieser Musik gewünscht hatten. Was natürlich den einsamen Tänzer am Bühnenrand nicht weiter stört. Sein gelb-schwarzer Biene-Maja-Schal flattert jedenfalls recht wild.
Viel weniger wild gehe ich nach Hause. Mehrere Gläser Flüssigbrot machen auch nicht satt, höchstens ruhiger. Immer ist da noch eine Leere, im Bauch. Könnte nicht jetzt eine ungefähr 1,70m große Wurschtsemmerl auf mich zu kommen und mich so glücklich machen wie die Hühnchen-Diät Solomon Burke? Wie bitte, seine Diät war auch nicht erfolgreich? Das ist mir doch wurscht!
Harald Justin
Posted by Jazz Fest Wien/Team am 08.07.2008 .
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