Jazz Fest Wien Blog
 

James Carter Quintet . Heinz v. Hermann “Straight Six” 09.07.2008

James CarterViele Jazz-Konzerte sind gut.
Aber dann gibt es die grandiosen Ausnahmen, die die Grenzen von Zeit und Raum kurzfristig aufheben und wirklich erhebende Momente im Leben sind. Gestern war es wieder einmal soweit, als James Carter in der Kammeroper auftrat.

Nach Mitternacht noch eine Wurschtsemmel vernascht. Morgens aufgewacht mit Völlegefühl im Bauch. Und Leere im Hirn. Schlimmes Zeichen für anhaltendes Älterwerden. Dagegen hilft eigentlich nur ein weiteres Konzert am Abend. Obwohl ich auch schon bei einigen Musikern schlimme Anzeichen von Blutleere erlebt habe. Selbst Jazz ist wohl kein Jungbrunnen für alle.

Abends also in die Kammeroper. Hübsche Location, und hübsch gepflegt startet der Abend mit Heinz von Hermann und seiner Straight Six, einer Art Buena Vista Social Club des europäischen Jazz. Mit Ausnahme des Bassisten dürften alle Mitglieder der Truppe kurz vor oder nach der Verrentung stehen, der Leader wurde immerhin 1936 in Wien geboren. Mit Dizzy Gillespies „Salt Peanuts“ geht’s dann ab in die Kulinarik des gepflegten Bebop und Swing, und der Bandleader erklärt: „Wir spielen Bebop und Swing, also die Musik, die wir lieben und mit der wir aufgewachsen sind. Also keine Klassik, keinen Rock und keine Folklore!“ Und mit dem Älterwerden hat Herr von Hermann auch keine Probleme: „Heute bin ich mit meinem Swing-Projekt hier. Aber ich spiele auch bei anderen Projekten mit. Auch einmal World Music. Man muss offen bleiben.“ An Miles Davis wird gedacht, ein Stanley Turrentine-Titel gecovert. „Ich glaube, mit Jazz“, erklärt der Jazz-Adelige, „kann man sehr gut Älterwerden!“

Heinz v. Hermann Heinz v. Hermann \

Äh, da hatte ich mir doch auf die Frage nach dem Älterwerden und dem Jazz eher eine Trost spendendere Antwort vorgestellt. Etwa „Jazz hält jung“ oder „Wir Jazz Musiker werden erst im Alter richtig gut. Wir sind wie guter Wein.“ Das sagt er aber nicht, der Heinz von Hermann. Und ich denke, dass es doch nett ist, wie alle diese Jazz-Musiker in so hübschen Zeitkapseln leben. Die einen, c.o.d.e., spielen in ihrer Kapsel gestern Old-School Free Jazz, die Straight Six heute Old School Bebop. Alles ist hübsch geordnet. Überschreitungen kommen nicht vor. Was kann da noch kommen? Noch nicht einmal das nächste graue Haar.

James Carter James Carter James Carter James Carter

An diesem Abend kommt aber noch das James Carter Quintet. Gleich mit dem ersten Stück reißt Saxophonist Carter das Publikum zu Begeisterungsrufen hin. Und es geht so weiter. Mit einem Repertoire, das übrigens, wie das der Straight Six, aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammt. Allerdings haben die fünf Afroamerikaner anderes im Sinn als museale Brauchtumspflege. Carter zieht alle Register seiner Holzblasinstrumente, sie röhren, flüstern, schreien. Sein Körper bewegt sich zur Musik, immer einen Moment vorm Tanzen. Der Drummer ist so rhythmusfest wie der fettleibige Bassist, in dessen Hände der Bass wie ein Cello aussieht. Der Klavierspieler lässt seine Hände über die Tasten fliegen, singt und schreit bei gesteigerter Intensität mit. Dass das Publikum begeistert ist, wen wundert’s?

Der Drummer mit den Rastlocken erzählt mir später, dass er schon sechzig Jahre alt sei. Dreißig hätte ich ihm gegönnt. Der Pianist mit den muskulösen Oberarmen erklärt mir den Einsatz seiner Ellbogen und seines Hinterteils auf den Tasten mit dem Satz, dass „wenn man in die Stratosphäre will, auch einmal unorthodox spielen muss!“ Davon bin ich überzeugt. Und für James Carter ist alles klar: “Wenn ich das Publikum mit meiner Energie begeistern kann, bekomme ich auch Energie zurück. Die begeisterten Reaktionen des Publikums, das gehört zu unserer Musik. Erst an diesem Punkt wirkt Jazz als heilende Musik. Und natürlich ist da eine Menge Körpersprache im Spiel. Der Jazz hat seine Wurzeln im Tanz, gerade auch bei den alten Steptänzern.“ Wer will da widersprechen, wenn drei Musiker über die Aufhebung der Grenzen reden. Biologisches Alter, die Lehre des gepflegten Spiels und alle Vorschriften der Jazz-Polizei, hier gelten sie an diesem Abend nicht.

So gelingt den fünf jungen Afroamerikanern im Rückgriff auf alte Elemente des Jazz, auf Tanz und ekstatische Mittel des Spiels, eine Sprengung aller Zeitkapseln: ob Bebop oder Hardbop, Samba oder Free Jazz, was zählen Genregrenzen, wenn es um die Energie geht, die Körper schreien und tanzen lässt, wenn es um das Erreichen der Stratosphäre geht, die aus Sechzigjährige wieder Thirtysomethings macht? Irgendwie habe ich mir das Älterwerden mit Jazz immer genau so vorgestellt.

Mich hat’s beim Konzert nur schwer auf dem Sitz gehalten. Hätte nicht übel Lust gehabt, den Sitz rauszureißen und die hübsche Location leicht zu verwandeln, so wie es Jazzfans damals gemacht haben, als Lionel Hampton oder Sidney Bechet ihr Publikum in Stratosphären des Jazz-Rausches trieben. Ich fühle mich so stark und so leicht, jetzt nach diesem Konzert. Könnte Bäume ausreißen. Abheben.

In den Eingang zur U-Bahn am Schwedenplatz finde ich schon gar nicht mehr runter. Unter mir erblicke ich schon das Riesenrad vom Prater. So rund, so klein. Luftig gleite ich dahin. Über den Wolken muss die Freiheit grenzenlos sein. Haben Fragen von Zeit und Raum in der Stratosphäre noch Bedeutung?
Harald Justin

Posted by Jazz Fest Wien/Team am 09.07.2008 . Permalink

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