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Solomon Burke . Ryan Shaw 11.07.2008 Rathaus/Arkadenhof
Er ist mehr als der Bischof des Soul. Er trägt einen wunderschönen lila Anzug, ist schwergewichtiger als die Rounder Girls, hat einundzwanzig Kinder und an die achtzig Enkel, singt seit sechs Dekaden Soul und ist Bischof seiner eigenen Kirche, die er bereits als Zwölfjähriger in Erstaunen setzte. Ladies and gentlemen, die letzte noch lebende Soul-Legende, Mr. Solomon Burke!
Up and away in die Stratosphäre, dahin hatte mich James Carter am Mittwoch mit seinem Spiel geblasen. Und wer kommt mir dort entgegen? Ist es ein Vogel? Ist ein Flugzeug? Ist es ein Engel? Na, so ungefähr, es ist Ryan Shaw, und er singt von Gott und Liebe. Seine Mutter brachte ihm das Beten bei, arbeitet für eine der vielen Kirchengemeinden des Südens. Ob sein Vater auch in der Kirche …“ frage ich ihn und seine Augen werden groß und er verzieht sein Gesicht: „Mein Vater? Er ist ein Teufel!“ Ungläubig wie ich bin, entfährt mir ein „Das ist doch auch nicht so schlecht!“, worauf Shaw antwortet: „Im Sinne von Ying und Yang sicherlich nicht, aber ansonsten schon!“ Und „Tschüss“ sage ich, „flieg weiter!“

Denn hier oben fühle ich mich doch einer größeren Macht näher, und sie singt von einem Thron herunter, sitzend, und immer noch mit einer der ausdruckstärksten Stimmen, die er seit Jahren auch benutzt, um die amerikanische Regierung wegen des Krieges im Irak und der wachsenden Armut in den USA zu attackieren. Und er predigt im Namen der Liebe und im Namen Gottes. 1999 habe er, so erzählt er, mit dem Stellvertreter Gottes auf Erden gesprochen, und seitdem habe sich sein Leben noch einmal zum Guten verändert.
Eine ähnliche Wendung im Leben hat er mir vor einigen Jahren beschert. Auf dem Weg zu seinem Konzert drängte mich eine riesengroße Stretch-Limousine in den Graben. Und wer saß mit weißen Pelzmantel auf dem Rücksitz? Genau! Den Pelzmantel, den er einst als „King of Rock ’n’ Roll“ (!) verliehen bekam, hat er mittlerweile an Mick Jagger weitergeben, und sich Jahre später bei mir entschuldigt und mir sogleich Ratschläge für mein Familienleben mitgegeben. „Wenn du wirklich willst, dass deine Liebe hält, musst du jeden Tag um deine Frau kämpfen, ihr jeden Tag zeigen, dass du sie liebst. Schreib’ ihr kleine Zettel mit Liebesbotschaften Oder kauf’ ihr Blumen. Zeig’ ihr jeden Tag und nicht nur zum Geburtstag, was sie dir wert ist!“ Alles ist bei ihm ein Geben. Ob Pelzmäntel oder Ratschläge oder rote Rosen an das Publikum. Oder eben seine Energie. Das Publikum gebe ihm aber, so meint er bei einer kleinen Audienz, soviel Kraft zurück. „It’s a wonderful audience here in Vienna! Großer Gott!“ Daraufhin möchte ich sagen „Selber großer Gott“, aber bei ihm weiß ich, dass er jedes Kompliment mit mindestens zwei Gegenkomplimenten erwidert.

So erzähle ich ihm lieber von der Soulsängerin Betty Lavette, die mir nach einer gemeinsamen Tour mit Solomon erzählt hat, dass sie sich Sorgen um seine Gesundheit mache. Und zwar nicht wegen der vielen schmutzigen Witze, die er zu erzählen weiß, sondern: „Solomon wir immer dicker. Seine Henderl-Diät ist wohl doch nicht so gut!“ Solomons Antwort gestern: „Dann sag Betty einmal, sie solle nicht immer so prima Henderl kochen! Dann brauch ich nicht so viele zu essen.“
Und dann lacht er, zieht mich an seine Brust und rückt mich ganz fest an sich. Hoppala, das ist besser als ein Kaschperl-Segen, reicht für mehr als sieben Jahre, vielleicht sogar für fünfzehn, wenn ich mich nicht wasche. Und die Kette, die er mir geschenkt hat, wird sich dann in eine aus Gold verwandeln, seine Schweißtropfen in Perlen, und er wird über das Wasser wandeln. Mit seiner Stimme wird er die Toten wiederaufwecken, alles hat ein Wohlgefallen, und die Henderl werden ihr letztes Stoßgebet mit einem Gospelsong krächzen: „Nearer my God to thee!“ So wird es sein. Amen.
Harald Justin
Posted by Jazz Fest Wien/Team am 11.07.2008 .
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