Jazz Fest Wien Blog
 

Incognito . Hot Pants Road Club 12.07.2008

IncognitoEs darf gezappelt werden.
Gegen den Regen am Samstag und mit einer Musik und zwei Bands, die mit Funk und Club Jazz die Leute dazu bringen, „Uhh, da Fonk“ zu rufen und die Hände hoch zum Wedeln zu nehmen, weil Club Jazz doch recht bewegungsfreudig ist.

Irgendwann hat mich die Erde wieder. Vierzehn Jahre lang nicht Gesicht und Hände waschen, nur weil mich der heilige Bischof des Soul, Solomon Burke, berührt hat, geht vielleicht doch ein bisschen weit. Und kaum habe ich diesen Gedanken ausgesprochen, fährt ein Gewitter und ein Regen nieder, dass es sich und mich gewaschen hat. Solomon, ich nehme an, es ist dein Wille!

Mittlerweile geht’s im Rathouse schon recht stinkig zu. Soll heißen: im Arkadenhof des Rathauses spielt der Hot Pants Road Club eine österreichische Version jener Bläser lastigen und Rhythmus betonten afroamerikanischen Musik, die in den sechziger Jahren modern war und deren Name ursprünglich den Geruch bezeichnet, der beim Tanzen oder eher noch beim Geschlechtsverkehr entsteht. Irgendwie doch gut, so ein Regen, der alles sauber wäscht.

Hot Pants Road Club Hot Pants Road Club

Nur das weiße Hemd des Heißen-Höschen-Sängers nicht. Braune Flecken im Kragenbereich! Er zeigt sie mir, und ich bin entsetzt. Sollte auch er ein nicht-Waschen-Gelübde abgelegt haben? Und vom wem wurde er gesegnet? Er aber scherzt: „Sollte ich wirklich so dreckig sein?“ „Na“, antworte ich, „woher soll ich das wissen?“ „Mein Nacken ist,“ so lacht er, „auch nicht wirklich das Körperteil wo ich bevorzugt meinen Selbstbräuner auftrage.“ Ach? „Nein, diese Flecken stammen von dieser neuen Lederkette. Die habe ich gestern geschenkt bekommen.“ Jetzt bin ich aber beruhigt und kann weiterhin den Jungs beim Ent- und Umkleiden zuschauen. Nicht uninteressant, dieses Leben backstage. Gestern die Truppe von Solomon Burke mit seinen Sängerinnen und Violinistinnen, heute der Hot Pant Road Club. Nur ein lieber Kollege mault ein wenig: „ Dreckige Hemdkragen kann ich dir auch zeigen. Die liegen in meiner Wäschekammer, dutzendfach.“

So genau will es dann vielleicht doch nicht wissen. Manchmal klammert man sich halt lieber an seine Träume und Illusionen. Und wer sich die Illusion bewahren will, dass das weibliche Personal der Band von Solomon Burke auch im normalen Leben ständig goldfarbene Extrem-High-Heels trägt, der sollte erst nach einer mehrzeiligen Pause weiter lesen, in der ich ansonsten verkünde, dass die High-Heels schon lange bevor die Damen das Haus betraten, an ihrem Platz standen. Die vier Damen kamen mit ganz normalen Gesundheitspantöffelchen angeschlurft. Auch ihre Goldlamé-Kleidchen trugen sie nicht. Stattdessen ganz normales Street-Wear.

Incognito Incognito

Anders hingegen die Sängerinnen von Incognito. Frisch gestylt betraten sie die Garderobe, Da gab es nichts weiter zu tun. Der Rest der Band um den Londoner Gitarristen Jean Paul „Bluey“ Maunick hingegen kam in Street-Wear, zog sich um und sah immer noch aus als trügen sie ihre ganz normale Alltagskleidung. Die Mode haben die Engländer ja auch nicht erfunden.

Aber möglicherweise mit ihrer Musik ein Mittelchen gegen den Regen. Vielleicht ist ja die Musik von Incognito dazu geeignet, Regen Einhalt zu gebieten. Der Drummer arbeitet bevorzugt im 4/4-Takt, es zischt der Groove, der gerne auch in Clubs für Frohsinn sorgt. Und als nach einem sehr langen Set Incognito zu spielen aufhört, hat sich der Regen verzogen. Und experimentierten nicht Noise- und Heavy-Metal-Freude mit tiefen Bassfrequenzen, um bei den HörerInnen Durchfall auszulösen? Wer so etwas kann, der kann auch Regen machen oder stoppen! Nicht auszudenken, wenn sich da ein Musiker einmal vertut …, aber lassen wir das, um „Bluey“ Maunick zu fragen, ob er und seine Band den Regen mit ihrer Musik vertrieben haben. „Ich bin gar nicht gegen den Regen. Die Pflanzen brauchen Regen, die Menschen brauchen die Pflanzen. Es ist ein Kreislauf!“ Und ich möchte gerne antworten: „Werde du erst einmal nass, dann wird dir dein sonniges Gemüt schon vergehen!“, finde den Satz aber nicht ganz passend und verzichte. Vor allem, da er nun noch etwas erzählt über die Liebe, den Rhythmus, die Welt und wie man sich so beim Tanzen näher kommt, den Geist und die Körper befreit und eben die Welt rettet.

Aber wie verhalten sich dreckige Hemdkragen dazu? Eher nötig oder unnötig bei der Weltenrettung? Und wie nass und dreckig, funky also, kann man sich machen, wenn am morgigen Abend mit der Label-Night Cracked annegg quasi Rührei auf dem Programm steht und der Hot Pants Road Club ruft: „Funk is a Boomerang!“? Mit diesen Fragen kann ich getrost frisch gebügelt und gestärkt ins Bett gehen.
Harald Justin

Posted by Jazz Fest Wien/Team am 12.07.2008 . Permalink

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