Jazz Fest Wien Blog
 

cracked anegg label night 13.07.2008 Rathaus/Arkadenhof

Nichts ist schlimmer als ein Wintereinbruch im Sommer. Höchstens ein angeschlagenes Ei als Sitzunterlage? Falsch! Denn die Musiker des Labels Cracked Anegg, die sich an diesem Abend vorstellen, sind noch das Heißeste, was glücklicherweise heute passiert.

Hatte ich nicht geschrieben, die englische Band Incognito hätte Musik gegen den Regen zu spielen versucht? OK, das mögen sie zeitweise geschafft haben. Dafür haben sie aber anscheinend auch gleich die Sonne mit auf ihr vernebeltes Königreich genommen. Seit gestern jedenfalls herrscht hier, wo es bis gestern angenehm sommerlich warm war, eine Brustwarzen erhärtende Kälte.

Und so stehe ich dann im Rathausinnenhof, ohne Regen, aber dafür mit leichter Gänsehaut. Am Morgen hatte es noch Jazz für Kinder gegeben, mit dem Frère Jacques im Jazz-Kanon. Der Abend gehört nun dem Cracked Anegg Label von Sharon Anegg und Oliver Steger, das sich gleich mit vier Gruppen präsentiert. Herwig Gradischnigs Ghost Trio macht den Anfang, „keine leichte Aufgabe, aber ich glaube, wir waren ganz gut“, so der Tenorsaxophonist, den ich kürzlich noch in einem kleinen Club erlebte. „Ich spiele gerne in Clubs, da muss das Podest des Drummers nicht auf einem Sockel stehen. Und ich selber merke dann beim Spielen, wie die Fußbodenbretter sich im Rhythmus der Drums bewegen.“

Dazu hätten sie beim Auftritt von Angelas Tröndle & Mosaik wenig Gelegenheit. Langsame Balladen, von der Sängerin so gediegen ätherisch vorgetragen, als wandere sie auf den Spuren von Schnecken. Gradischnig zeigt sich begeistert. „Die ist echt gut“. Weniger gut ist es, dass das langjährige Mitglied des Vienna Art Orchestras bei der Neuformierung des Orchestras nicht mehr dabei ist. „Sich jetzt wieder von Gig zu Gig durch zu schlagen, das ist nicht einfach. Aber es wird schon klappen!“ Offensichtlich ein Berufsoptimist.

Danach kommt Drechsler, die Band mit dem Tenorsaxophonisten Ulrich Drechsler und DJ Zuzee, die beide prachtvoll miteinander harmonieren. Das Publikum bedankt sich für die Güte der tanzbaren Musik und rückt näher an die Bühne. Es darf getanzt, geschüttelt und gerührt werden. „Wir halten unser Musik bewusst einfach. Es kommt auf den Groove an.“ Und eben an die singbaren Melodien, die, heute leider selten im Jazz gehört, sehr eingängig sind und sich in den Gehörgängen festsetzen. „Es wäre unsinnig für uns, sehr kompliziertes Zeug zu spielen. Wir wollen, dass das Publikum mitgeht.“ Und das macht es wohl, erzählt doch die Label-Betreiberin, dass die Alben von Drechsler sich auch außerhalb Österreichs verkaufen.

Aber ansonsten, so erzählen Steger und Anegg weiter, ist es für sie ein Höhepunkt, dass sie die Künstler ihres Labels auf dem Jazz Fest vorstellen dürfen. „Das ist ein absoluter Glücksfall“, meinen beide. Ein Glücksfall, den sie sich, in bewunderungswürdiger Arbeit für ihr Label, hart erarbeitet haben. „Wir haben im letzten Jahr viele Alben herausgebracht. Und wenn wir nicht noch richtige Berufe hätten, könnten wir das alles gar nicht finanzieren. Mit einigen dieser Produkte erreichen wir auch andere Länder und Märkte.“ Noch zwei Berufsoptimisten.

Nach Drechsler betritt die Car Radio Band die Bühne. Ihre Musiksozialisation haben sie, dem Namen nach vom Autoradio erfahren und dementsprechend mischen sie Ska und Jazz, Funk und Rhythm & Blues. „Ein Erfolg wie der von Drechsler käme sicherlich nicht unerwartet und unverdient“, sage ich und reihe mich in die Schar der Berufsoptimisten ein.

Messerscharf fällt mir ein, dass ich zwar schon viel über Spiritualität, Frauenpower und leckere Wurschtsemmerl beim Festival geschrieben habe, die finanzielle Seite aber bislang grob vernachlässigt habe. Die gehört aber auch zum Jazz. Da werde ich doch wohl morgen noch einige Fragen stellen können.

Ansonsten ist es ungemütlich frisch und windig. Ich glaube, mir ist gerade eine Brustwarze herunter gefallen. Es ist einfach zu kalt. Sie liegt am Boden und sieht aus wie eine Rosine. Könnte aber auch sein, dass es der Ohrenstöpsel des Tochtechnikers ist. Abend für Abend am Mischpult, dort wo die Verstärker brüllen und das seit knapp vierzehn Tagen, das kann Folgen haben. Rosine, Brustwarze oder Ohrenstöpsel, das ist hier die Fragen des Geschmacktests. Ganz so wie das Jazz Fest Vienna, das sich so langsam, aber sicher dem diesjährigen Ende zuneigt. Noch vier Abende, die meinem Leben Sinn, Musik und eine gewisse prima Müdigkeit des Seins gaben. Wie geht es danach und morgen weiter?
Harald Justin

Posted by Jazz Fest Wien/Team am 13.07.2008 . Permalink

Technorati Delicious

 

© Jazz Fest Wien, 2008. Contact . Credits . Legal Information

Suche im Festival Blog:

Videos

Artists Cloud

Fotos

Kalender

Juli 2008
M D M D F S S
« Jun    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  

Kategorien

Meta

CC License

Silver Server