Jazz Fest Wien Blog
 

Célia Mara 14.07.2008 Porgy & Bess

Célia MaraCD-Präsentation “Santa Rebeldia”
Der Rathausplatz bei Sturm und Regen und die etwas andere Location. Dort tanzen die Frauen, zwar nicht auf den Tischen, aber doch heftig zur Musik einer charismatischen Musikerin:
Célia Mara!

Christoph Huber, der Mann auf der Bühne mit dem kahl geschorenen Schädel begrüßt die Anwesenden mit den Worten: „Herzlich Willkommen auf dem Rathausplatz zum Konzert von Célia Mara. Wir haben keine Kosten gescheut, den Platz zu verkleinern und wetterfest zu machen!“ Und tatsächlich kam mir der Rathausplatz gestern noch irgendwie größer vor. Und mit rotem Stoff waren die Wände auch nicht ausgeschlagen, eine Bar gab’s ebenso wenig wie die zwei Etagen, auf denen sich das Publikum tummelt. Was moderne Bühnentechnik doch alles heute machen kann! Aber seit wann sagt Christoph Huber eigentlich die Konzerte bei Jazz Fest Wien an?

Gerade als ich mich frage will, wo ich denn nun hingeraten bin, klärt mich eine SMS darauf hin, dass das Konzert der Brasilianerin wegen des bösen Wettersturzes in Wien vom Rathausplatz ins Porgy & Bess verlegt wurde. Eine gute Entscheidung nach dem gestrigen schmerzhaften Kälteschock im Arkadenhof. Der mir übrigens den Ausspruch eines Kollegen in Erinnerung rief. Er meinte: „Gute Musik und guter Jazz müssen weh tun!“ Als ich diesen Spruch zum ersten Mal hörte, fragte ich mich auch, wo ich denn da hingeraten bin, in welchen finsteren, von der Jazz-Polizei kontrollierten Winkel? Da habe ich doch ein gänzlich anderes Musik und Jazz-Verständnis.

Célia Mara Célia Mara

Glücklicherweise. Denn wäre ich sonst zu dem Konzert von Célia Mara gegangen? Die Frau ist ein singendes Energiebündel mit ungemein positiver Ausstrahlung. Zusammen mit ihrer international zusammengesetzten Band schafft sie es mühelos, bei der Präsentation ihrer neuen CD „Santa Rebeldia“, das Publikum zum begeisterten Mittanzen zu bringen. Ohne „Clap-Your-Hands-Gestiken, einzig allein durch die Kraft ihrer Musik. Unter dem Obertitel „Nu-Brazil“ läuft der Musikmix aus brasilianischer Percussion, Ska-Rhythmen mitsamt Gebläse, Turntable-Geziepe und eben dem mitreißenden Gesang ihrer kämpferischen Texte und der eingängigen Melodien zu großer Form auf.

Vor mir ruckeln und zuckeln jetzt jedenfalls die Körper. Hauptsächlich die von Frauen. Und das ist gut so. Ein Mann mit Kamera sagt: „Die haben hier alle Spaß. Die Musiker und das Publikum!“ Ja, das ist keine Musik, die weh tut. Sondern eine, die Spaß macht.

Ein bekannter, mittlerweile verstorbener deutscher Jazz-Kritiker erzählte mir einmal, dass er aufgehört habe, mit der zumeist männlichen Jazz-Polizei über Wert und Unwert von Jazz zu diskutieren. Viel wichtiger seien ihm die unmittelbaren Reaktionen von Frauen. Würden sie anfangen, sich zu bewegen, sei dies nahezu immer ein Kriterium für gute Musik. Und was kann man mehr von einem guten Konzert erwarten, als dass hinterher alle BesucherInnen eine Spur glücklicher sind als vor dem Konzert?

Was dann wohl morgen Abend passiert, wenn der brasilianische Strahlemann Sergio Mendes im Konzerthaus zum Samba und Bossa aufspielt? Wienerinnen,die ihr brasilianisches Blut entdecken? Männer mit Rosen zwischen den Zähnen, leichtfüßige Romeos in weißen Anzügen, so braungebrannt wie die Frauen mit ihren luftigen, mit Federpuscheln geschmückten Kostümchen? Österreicher mit Zuckerhüten auf den Köpfen und heißestem Samba(l Oelek) im Schritt? Caetano Veloso, der vor einigen Tagen in der Oper gastierte, war jedenfalls vom Wiener Publikum begeistert: „Die Wiener haben die Musik im Blut. Und sie können meine Lieder fast besser singen als ich.“ Ist Wien also gewissermaßen das Rio Mittel- und Osteuropas? Ich frage mich, wo ich da wohl hingeraten bin?
Harald Justin

Posted by Jazz Fest Wien/Team am 14.07.2008 . Permalink

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