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04.07.2009: Marianne Faithfull / Wiener Staatsoper - Solomon Burke, Ruthie Foster, Harri Stojka, Schneider’s R&B Caravan / Fernwärme Open Air
Ein Tag mit rasanten Fahrten und Ortswechseln, musikalischen Genies und Fragen, deren Antworten noch tagelang Energie spenden sollten.
Männer, allein gelassen, stellen sich ja die unmöglichsten Fragen. Frauen bestimmt auch. Aber meistens stellen sie andere Fragen. Habe ich mir sagen lassen. Pete York, der legendäre Trommler, der mit Helge Schneider einen äußerst vergnüglichen Freitagabend in der Wiener Staatsoper gestaltete, fragte sich backstage laut: „I wonder where Mozart take a shit!“ Ich bin mir ziemlich sicher, dass Pete Yorks Frageinteresse dem genius loci galt und nichts anderem.

Mit genau diesem kann man natürlich beim Jazz Fest Wien leicht in Schwierigkeiten kommen, da bekanntlich an vielen Orten jazzgefeiert wird. Vielleicht sollte ich zusätzlich den genius tempi ehren, denn ein präziser Zeitplan ist schon nötig, als am Samstag erst an der Fernwärme und dann in der Staatsoper Wien aufgespielt wird. Den guten Anfang macht um 15 Uhr der Gewinner des Blues Award 2009, Norbert Schneider’s Blues Caravan mit schnörkellosem Westcoast R&B der fünfziger Jahre. Danach geht es mit Ruthie Foster, ihrer Gitarre und ihrem Trio weiter – geballte Dreifrauen-Power, zwischen Folk, Blues und Soul. Kein Wunder, dass sie als einer der großen Entdeckungen im Soul - und Songwriterkontext gilt. Unter denen, die im VIP-Bereich Beifall klatschen, ist natürlich auch Bluesprominenz aus Wien. Zeit und Gelegenheit, neben Pete Yorks Denkspruch noch weitere O-Töne abzufragen. Die Frage, wie er es bisher fand, beantwortet Erik Trauner, Chef der Mojo Blues Band, mit dem Satz: „Es ist immer fantastisch, wenn Musik lebendig ist!“. Hans Theessink antwortet schlicht mit einem „Wunderbar“.

Die Begeisterung weicht auch nicht von ihm, als er dem nächsten Musiker zuhört: Harri Stojka einmal wieder im Kontext von Gypsy Swing, mit rasanten Gitarrenläufen und dem Ausruf „Das ist Roma-Musik!“ zu hören, gehört ebenfalls zu den Glücksmomenten in der von Hundertwasser gestalteten Architektur auf dem Fernwärme Gelände.

Das ich allerdings in genau diesem Moment, wo Stojka zu rasantesten Fingerübungen ansetzt, verlassen muss. „Adieu, Gypsy Soul“ – und „Hello British Soul!“ Denn jetzt gilt es ganz schnell mit der U4 in die Stadt zur Staatsoper zu fahren, wo um 19 Uhr und 45 Minuten Marianne Faithfull den Diven-Anteil am Festival erhöhen helfen soll. 2002 begeisterte sie schon einmal auf dem Jazz Fest Wien. Im letzten Jahr sah ich sie nicht, weil sie wegen Krankheit nicht kommen konnte, und dieses Jahr sehe ich sie hinter der Bühne auch nicht, weil im Vorfeld ihres Auftrittes der Gang für die sensible Künstlerin gesperrt wurde. Aber auf der Bühne ist sie ganz schön präsent und singt mit ihrer brüchigen Stimme, dass sich eine singende Säge mitbiegt und das Publikum bei ihrem Hit „Broken English“ mit bewegendem Beifall sich wohl auch an jene Jahre erinnert, in denen dieses Lied zur seelischen Sommergrundausstattung gehörte. Rührt das die britische und auch Wiener Seele?

Mit dem Schlussapplaus schau ich auf Uhr. Nicht, weil sie mir eine Antwort auf diese, aber möglicherweise auf eine andere Seelenfrage geben kann: wenn ich nämlich jetzt von der Staatsoper wieder zurück in die Fernwärme fahre, könnte ich noch den Rest vom Konzert des größten aller Seelen-, äh, Soulsängers, Solomon Burke, miterleben. Tempo, Tempo, - loci, ich komme! Wie viel Raum doch bedeutet, wenn man wenig Zeit und viele Eile hat!
In der Fernwärme rockt Burke, wie er sagt „das Haus“. Wenn Begeisterung Energie zurückbringt, dann sollte dieses Konzert Energie bis ins nächste Jahr liefern. „Proud Mary“ und Everybody Needs Somebody To Love“ – und in die Jubelrufe hinein werden rote Rosen verteilt. „For the Ladies!“ Na, für wen sonst?

Nach der Show, in Burkes Privatzelt frage ich ihn, wie es kommt, dass dieses Konzert noch – unglaublich, aber wahr - mitreißender als das im vorigen Jahr gewesen sei und wieso er mit zunehmenden Alter immer besser werde? „Das liegt nur an den Frauen!“, sagt er. Alle lachen.
Aber später, als ich in der U-Bahn gleich mehrere Frauen sehe, die verträumt auf ihre roten Solomon-Burke-Rosen blicken, denke, dass er bestimmt Recht hat. Ist ja ein kluger Mann, mit seinen 21 Kinder, 90 Enkeln und 28 Urenkeln. Burke hat sein Gen(ius) weit gestreut. Wahrscheinlich hat er damit, aber auch mit seinem Konzert, den Diven-Faktor erhöht.
Ob die auch Fragen zu Mozart haben? Morgen kommen Chaka Khan und George Duke. Mal schauen, wer generöser mit Fragen und Antworten ist.
Harald Justin
Posted by Jazz Fest Wien/Team am 04.07.2009 .
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