Jazz Fest Wien Blog
 

Seun Kuti & Fela’s Egypt 80 – 06.07.2009 Rathaus/Arkadenhof

Seun KutiSchöner die Trommeln seltener klangen: Seun Kuti & Fela’s Egypt 80 zünden im Rathausinnenhof ein rhythmisches Feuerwerk. Und der Funke zum Publikum springt über!

Und nochmals ein Perspektivenwechsel. Ein kleiner nur, wenn ich die Schritte von der Wiener Staatsoper gestern zum Rathausinnenhof heute messe. Ein größerer allerdings, wenn ich das Motto vom Jazz Fest Wien, das da lautete „Die Welt zu Gast in Wien“ ernstnehme. Denn dann gilt es an diesem Abend nicht Gäste aus Amerika oder Kuba zu feiern, sondern eine vierzehnköpfige Gruppe aus Afrika, konkreter: aus Nigeria. Sinn macht das allemal, liegt doch ein Großteil der Wurzeln des Jazz in Afrika. Welche das sind, führt uns Seun Kuti,der Sohn der Afrobeat-Legende Fela „Anikulapo“ Kuti an diesem Abend sinnfällig vor Augen, Ohren, Beine und Hüften…

Seun Kuti Seun Kuti

Seun Kuti ist ein charismatischer Sänger und Tänzer, seine vier Perkussionisten, vier Bläsern, zwei tanzenden Sängerinnen, zwei Gitarristen und einem Bassisten legen bereits mit dem ersten Lied das Fundament für die folgenden drei oder vier Titel. Die Stücke haben ihre Länge, und das ist gut so. Andere mögen ihre Kräfte an einem Abend auf möglichst viele Stücke aufteilen. Seun Kuti geht den anderen Weg, weil auch sein Ziel ein anderes ist. Andere Musiker mögen sich in der Demonstration ihres Virtuosentums gefallen, nicht so dieser Musiker und sein Ensemble.

Seun Kuti Seun Kuti

Von Anfang an setzen sie auf Rhythmus. Ungewohnten Ohren mag es möglicherweise schwer fallen, die einzelnen Stücke von einander zu unterscheiden, aber ist es nicht sowieso der Rhythmus, der zählt – vor allem, wenn es doch sprachliche Barrieren zwischen dem Pidgin-Englisch, dem Nigerianischen und dem Österreichischem gibt? Das Interessante an diesem afrikanischen Beat ist, dass er nicht martialisch klingt. Das ist nicht der dumpfe Rhythmus der Drum-Machine, sondern eher ein Gewebe, das sich aus dem Zusammenspiel von allen Musikern ergibt. Jeder Spieler gibt seinen individuellen Anteil zu einem großen Ganzen. Die große Kunst dieser Art der Bandkommunikation kommt erst an ihr Ziel, wenn das Publikum vom gleichen Geist der Musik beseelt wird. Genau das passiert an diesem Abend. Und zwar ohne dass Seun Kuti extra zum Mitklatschen auffordern muss. Bereits nach dem ersten Stück ist kaum noch ein Sitzplatz besetzt. Der Großteil des Publikums bewegt sich im zuckenden Beat von Seun Kutis Band Egypt 80, deren Mitglieder teilweise schon mit seinem Vater spielten. Gegen Ende des Konzertes ist der Kommunikationsakt gelungen: Band und Publikum teilen die gleichen Beats. Die Band hat sich durch die Musik im Publikum quasi ein Double geschaffen. Wir sind alle eins, wir sind alle viele Rhythmen entlang einem großen Beat, beseelt von einer Musik, eine Musikgemeinschaft, gebildet aus vielen Individuen, aber eben doch vereint. Die langen Stücke arbeiten mit ihren Grooves nahe entlang der Grenze zur Trance, kein Wunder, dass am Ende des Konzertes viele Menschen ein glückliches Lachen im Gesicht haben. Und bei der Band, die auf der Bühne mit vollen Einsatz gespielt hat, gibt es nachher nicht das erschöpfte Ausgepumptsein, das Backstage immer wieder zu beobachten ist. Keine Leere, sondern eine freudige Erregtheit ist ihnen in die Gesichter gezaubert. Einige Musiker mischen sich sogar nach dem Konzert unter die Zuhörer, die die Band mit lauten „Zugabe“-Rufen zum Bleiben aufgefordert hatten. Beats zum Tanzen, Musiker zum Anfassen – auch davon träumt so mancher Jazz-Fan!

Seun Kuti Seun Kuti

Ich hingegen träume in dieser Nacht hoffentlich nicht von staubtrockenen Akten, die durch die hitzige Musik Seun Kutis noch in der Nacht Feuer fingen. Ich albträume hoffentlich nicht, dass sich durch das gemeinsame Tanzen, Ruckeln und Zuckeln der Boden des Rathausinnenhofes gefährlich abgesenkt hat. Möglich wäre es ja. Denn ich fragte Seun Kuti, was seine große Tätowierung auf dem Rücken bedeute. Er sagte: “Sie bedeutet, dass mein Vater immer leben wird. Seine Energie wird immer bei uns sein!“ Oha. Die wenigsten Wiener werden je in Nigeria ein Konzert Fela Kutis miterlebt haben. Aber die Konzerte in seinem „Shrine“ waren außergewöhnlich heiß und wild –nicht auszudenken, wenn diese besondere Kuti-Energie am Morgen danach noch Spuren hinterlassen hätte. Ob dann die Präsentation indonesischer Musik mit Kua Etnika, deren Mitglieder schon an diesem Abend ausgiebig zu Seun Kutis Musik tanzen, verlegt werden muss? Nein, das darf nicht sein Und deshalb mache ich einen ganz vorsichtigen Schritt zurück und entschwebe, ohne weiteren Schaden anrichten zu wollen, wie eine Glücksfeder vom Ort des Geschehens Eine leichte Flugübung und ein kleiner Schritt für mich, aber vielleicht ein großer für die Musik- und Rathausgeschichte.
Harald Justin

Posted by Jazz Fest Wien/Team am 06.07.2009 . Permalink

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