Jazz Fest Wien Blog
 

Kua Etnica - 07.07.2009 Rathaus/Arkadenhof

Kua EtnicaKnight Rider zwischen den Kulturen.
Kua Etnika, ein Ensemble aus Indonesien, trifft auf den Knight Rider: eine Begegnung zweier Kulturen! Wo verlauft sie entspannter als im Rathausinnenhof beim Jazz Fest Wien?

Mich leichten Fußes vom Ratshausinnenhof zu entfernen, das stellte ich mir gestern abend, nach dem Konzert von Seun Kuti & Fela’s Egypt 80 so leicht vor. Einige Schritte später dachte ich jedoch, was passiert eigentlich, wenn Seun Kuti Recht hat, und die heiße Energie seines Vaters Fela Kuti zwar mit ihm ist – etwas davon aber unbedingt im Rathausinnenhof verbleiben will, weil es dort allzu schön ist? Womöglich geraten Akten in Brand, wird unter manchem Beamtensessel Feuer gemacht! Nicht auszudenken. Ich beschloss, die Nacht im Innenhof Wache zu halten. Und da es heißt, wer rastet, der rostet, las ich in der Nacht in meinem frisch gekauften Buch über die Geschichte des Alterns in den verschiedenen Kulturen der Welt. Und allem war, Dank mir, dem Knight Rider, Erfolg beschieden. Buch gelesen, fremde Kulturen und das Altern verstanden und heute abend steht das Rathaus immer noch, genau passend zum Auftritt von Kua Etnika, einem Ensemble aus Indonesien, das die Wiener mit modernen indonesischen Klängen überraschen will. Von den Wienern sind so viele nicht da. Dafür aber viele indonesische Freunde, die begeistert sind und sich über die modernen Klänge zwischen traditioneller indonesischer Folklore und modernen, westlichen Pop- und Rocksounds freuen.

Kua Etnica Kua Etnica

Hinten im Backstage-Bereich treffe ich den sympathischen Ansager, der in der Staatsoper immer so nett die musikalischen Gäste ansagt. Der spricht nicht nur auf der Bühne amerikanisch, der ist auch Amerikaner und war einst im wirklichen Leben die Stimme von Kit, dem rechtschaffenen Auto, das in der TV-Serie „Knight Rider“ David Hasselhof zur Seite stand. Gestern, als ich noch leichten Fußes war, trug er bereits einen Verband am rechten Knie. Heute trägt er zusätzlich noch einen am rechten Fuß. Alles lacht, nur er nicht. „Es ist ein Wanderschmerz!“ So ist das, wenn man vom fernen Amerika nach Wien kommt. Für die einen ein kleiner Schritt nur, für die anderen ein Ausfallschritt, der Schmerzen bereitet. Gewissermaßen ein Kulturschock, bei dem das Bein ein Wort mitreden will. Aber wer versteht sich schon so richtig auf die Sprache des Beines? Möglicherweise wollte es ja lieber in Amerika bleiben und nicht mit der europäischen Kultur mithalten? Ein wahres Knight-Rider-Problem.

Kua Etnica Kua Etnica

Durch derlei Überlegungen angetrieben, flaniere ich durchs Publikum. Einige junge Österreicher und Indonesier freuen sich, wenn das zehnköpfige Ensemble traditionelle Klangschalen und modernste Keyboardtechnik dazu benutzt, einen Rocksound zu kreieren, der so modern wie westlich klingt. Mein linker Fuß zuckt dann voller Begeisterung mit. Tatsächlich, das ist keine Musik für das Folklore-Museum, sondern Musik, die in Indonesien Anschluss an Santana & Co. mit den Mitteln der avanciertesten heimischen Musik sucht. Das kann, muss aber nicht europäischen Ohren gefallen. Die möglicherweise genauso gut mit traditioneller indonesischer Musik ihre Schwierigkeiten hätten. Möglicherweise gibt es ja so etwas wie einen kulturellen Phantomschmerz, der im Nicht-Verstehen andere Kulturen besteht und solange in den Konfrontationen mit anderen Kulturen mitwandert, bis sie tatsächlich als das Andere begriffen sind, dessen Sprache wir erst noch erlernen müssen, bevor wir über sie urteilen? Ein Fachmann klärt mich jedenfalls im Hinausgehen noch über die Musik- und Jazzbegeisterung in Indonesien auf. „Da kommen Hunderttausende zu einem Jazz-Festival!“ Da steht der europäische Jazz-Freund, mit seiner Leidenschaft immer ein Fremder im eigenen Land, ein wenig verwundert da und wünscht sich ein zweites Spielbein in Asien.

Kua Etnica Fritz Thom (JFW), Rainer Louhanapessy (Geschäftsträger der indonesischen Botschaft), Hans Adam (Künstler)
Bild rechts: Fritz Thom (JFW), Rainer Louhanapessy (Geschäftsträger der indonesischen Botschaft), Hans Adam (Künstler)

Am Ausgang treffe ich noch Harri Stojka. Am Samstag noch selbst Musiker auf dem Jazz Fest, heute im Publikum. Wie es ihm gefallen hat? „Oh, toll, aber ich bin schon ein bisschen zu alt für diese Lautstärken!“, sagt er lachend. Ok. Ich verstehe. Das Alter und der Schmerz. Habe ich doch gestern nacht ein Buch zum Thema gelesen. Stand da nicht auch etwas über das Nicht-mehr-hören-Können als Phantomschmerz des Alters? Warum habe ich mir das eigentlich gekauft? Nur, weil morgen abend der junge kirgisische Pianist Eldar auftritt und nach Armeniern, Amerikanern, Briten, Kubanern und Afrikanern ein weiterer Weltbürger in Wien zu Gast ist? Da war doch noch etwas, oder? Der Quell der Jugend? Ach, ich werde langsam vergesslich. Ob das etwas mit dem Alter zu tun hat? Wie bitte? Hallo?
Harald Justin

Posted by Jazz Fest Wien/Team am 07.07.2009 . Permalink

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