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Eldar Trio - 08.07.2009 Porgy & Bess
Klassischer Fall für den Jazz-Jungbrunnen.
Mit dem Piano-Wunderkind Eldas aus Kirgisistan nähert sich das Jazz Fest Wien dem Ende. Grund genug für einen Ausblick auf flinke Finger, Wanderschmerzen und Altersweisheiten!
Gestern noch waren das Altern, Spielbein, Standbein und der Wanderschmerz in der Begegnung mit anderen Kulturen das Thema meines noch leichtfüßigen Räsonierens. Warum auch nicht? Damen und Herren aus aller Länder Welt waren zu Gast beim Jazz Fest Wien. Ich wurde nicht jünger dabei. Und wenn, ziemlich am Beginn, die Pensionisten vom Orquesta Buena Vista Social Club zeigten, dass Musik durchaus ein Jungbrunnen sein kann, so wurde am gestrigen Abend eben auch Michael Jackson zu Grabe getragen. Fürwahr ein tragischer Fall: ein Musiker, dem seine Jugend geraubt wurde, der nicht alt werden wollte und doch im Körper eines Menschen starb, der durch Drogenmissbrauch zu früh hin zum Tode gealtert war. Sowohl Solomon Burke als auch Chaka Khan ehrten bei ihren Konzerten in Wien das Andenken Jacksons mit bewegenden Worten.

Und während ich immer noch den Auftritt der im Alter noch höchst beweglichen Kuba-Diva Omara Portuondo vor meinem geistigen Augen habe – ob sie die älteste Teilnehmerin des Festivals war, verschweigt der Chronist - , tritt vor das etwas andere Augenpaar Eldar auf die Bühne vom „Porgy & Bess“. Eldar ist ein Trio, bei dem Drummer und Bass angeführt werden vom Pianisten Eldar Djangirov. Der gilt als Wunderkind an den 88 Tasten. Zehn flinke Finger, alle kommen aus Kirgisistan, und alle gehören ihm. Seit 1996 verunsichert er die Szene, erst in Russland und dann in Amerika. Enorm flink spielt der 20-Jährige tatsächlich. Komplex auch. Er ist sogar so nett, dem Publikum zu erklären, was er da so spielt und wie: „Also, das ist jetzt ein 21/4-Takt! Bitte einmal mitklatschen!“ Nicht-Wunderkinder, die zwar den 3/4-Takt im Wiener-Walzer-Blut haben und gerne auch einmal 4/4-Takte vor sich hinschlagen, atmen erfreut auf. „21/4-Takt, das ist doch eine der leichtesten Übungen! Da wollten wir doch immer schon mitklatschen!“ Kann das Publikum ahnen, dass Eldar es mit flinkem Piano-Spiel von vorne, hinten, rechts und links überholt, es gar einfach hinter sich lässt?

Ist das die feine kirgisische Art? Unten, in der Garderobe vom „Porgy & Bess“, frage ich den jungen Mann, ob er das so gelernt habe, diese Art, Menschen schwindlig zu spielen. Woher stammen seine Einflüsse? Aus Krigisistan oder mehr von Art Tatum, der auch ein Flitzfinger am Piano war? „Oh, meine Mutter kam aus der klassischen Musik. Mit kirgisischer Musik und Folklore habe ich nichts am Hut. Ich komme von der Klassik zum Jazz!“
Bis zu diesem Satz war meine Welt entlang der Richtschnur „Die Welt zu Gast beim Jazz Fest Wien“ noch in Ordnung. Die Gäste aus Kuba kommen mit kubanischer Musik, die Nigerianer und die Koreaner, sie alle kommen mit ihrer jeweiligen Musik, alles angereichert auch durch Jazz. Und ist Jazz nicht nur eine Musiksprache, die auf der ganzen Welt gesprochen werden kann, sondern sogar die erste, die global verständlich war? Eldar rückt mit seinem Spruch den Horizont wieder etwas zurecht: Ging dem Jazz als globaler Verständigungsmusik nicht die Klassik voraus?
Egal, wer nun wie das Erstgeburtsrecht beanspruchen kann, Wien ist sowohl mit Klassik als auch mit Jazz gesegnet – auch wenn sich das Jazz Fest mit dem morgigen Ausblick auf den britischen Blues und Soul mit James Hunter und einer Hörprobe in Richtung Balkan mit dem Original Kocani Orkestar verabschiedet.
Mir hat es gefallen. Nicht zuletzt, weil ich heute, gegen Ende des Festivals, ein so genanntes Piano-Wunderkind erleben konnte. Wie erzählte mir kürzlich noch der Worldblues-Gitarrist Bob Brozman bei seinem Konzert im “Reigen“, der auch zu den Austragungsorten vom Jazz Fest Wien gehört? „Ich bin so froh, nicht im Pop-Business zu sein. Wer dort als Jugendlicher einen Mega-Erfolg hat und ihn dann nicht wiederholen kann, für den geht es das ganze Leben bergab. Als Jazz- oder Bluesmusiker hast du dahingegen die Möglichkeit, das ganze Leben als Musiker zu wachsen!“ Hoffen wir, dass Eldar die richtige Musik gefunden hat – beim Jazz Fest Wien 2059 erleben wir ihn dann hoffentlich wieder. Alterschwach, mit einem Wanderschmerz im Knie und unendlich weise. Fast so, wie – nein, von mir ist jetzt nicht mehr die Rede. Ich habe fertig und freue mich auf das Jubiläumsjahr 2010, wenn das 20. Jazz Fest Wien gefeiert wird.
Harald Justin
Posted by Jazz Fest Wien/Team am 08.07.2009 .
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