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Jamie Cullum – 30.05.2010 Austria Center
Ein Konzerthaus mit Jazz zu rocken, das ist etwas für die ganz Großen, für die Meister des Fachs. Jamie Cullum ist einer von ihnen. Und er eröffnete das Jazz Fest Wien mit einem Konzert, das rundum glücklich machte.
Es geht los! Es geht los! Denn es ist wieder soweit: das Runde muss in das Eckige, und nein, nicht von der Fußballweltmeisterschaft ist die Rede, sondern vom Beginn des Jazz Fest Wien. Der Ruf erging, und meine Rundlichkeit wird sich erneut frohen Mutes durch Wiener Türeckigkeiten drängeln und vorher und nachher noch so manchen runden CD-Silberling im technoiden Eck des Players versenken, um den Konzerteindruck vorzubereiten oder zu vertiefen. Im Zeichen des Jazz Fest Wien kann das Hören einmal mehr die Richtung wechseln, und wegen der WM begann das Fest diesmal mit einem Sympathieträger bereits einen Monat früher, um dann, nach einem Monats Zwangpause, im Juli voll durchzustarten.

Der junge Brite Jamie Cullum, everybody’s darling und insbesondere der von jüngeren Frauen, deren Müttern und von Klavierherstellern, die sich freuen, wenn sein harter Anschlag eines ihrer Instrumente so ruiniert, dass alsbald ein neues angeschafft werden muss, eröffnete diesen Jahrgang des Jazzfestes mit einem Konzert, das dem 20jährigen Jubiläumsjahr mehr als nur würdig war. Als wäre er einer etwas größeren Westtasche entsprungen, hüpfte der kleine Pianist und Sänger auf die Bühne. „Er mag klein sein, aber er rockt das Haus besser als viele Große“, sagt eine begeistert Mitwippende neben mir, und sie hat ja Recht: Innerhalb von Minuten gelingt es ihm und seiner fabulös eingespielten Band, das Publikum von einer Begeisterungswelle durch die nächste zu jagen. Ja, es stimmt, die Verkäufe seiner CDs machen ihn zu einem Riesen auf dem Tonträgermarkt, und von den Millionen, die allein sein Debutalbum kauften, muss sich ein Großteil im restlos ausverkauften Austria Center befinden, denn bereits nach jedem Anfangsakkord ist jene Art von Beifall zu hören, die auf Vertrautheit des Publikums mit der Musik schließen lässt. Jeder Beifall lässt Cullum wachsen, er geht aus sich heraus, hupft und tanzt, wächst mit Hilfe des Publikums über sich hinaus ins Gigantöse eines Publikumsmagiers, wenn das Publikum zudem perfekt Songs mitsingt und Liedzeilen vervollständigt, die er nur anzudeuten braucht. Das Piano, dem in einem Visual vor Beginn des Konzertes bereits die Zerstörung angedroht wurde, ist, wie es mir erzählt hat, irrsinnig erleichtert, als gegen Ende des Konzertes sich Cullum samt Band die Bühne verlassen und inmitten des Publikums eine Version des Julie London Klassikers „Cry Me A River“ zum Besten geben, der das Piano vor dem Schlimmsten bewahrt, gleichzeitig aber die Begeisterung zum Äußersten treibt. „Er ist ein lieber Kerl, aber auch ein ziemlicher Wüstling“, flüstert es mir erleichtert zu. „Einige Minuten Pause kann ich gut gebrauchen. Danach bin ich wieder für alle Schandtaten bereit“, kichert es, um dann bei einer Version von „The Wind Cries Mary“ im Angedenken an Jimi Hendrix noch einmal alles zu geben.

Ein wahrlich wunderbares Eröffnungskonzert, bei dem es Cullum gelingt, das Runde des Pop im Sperrig-Eckigen des Jazz unterzubringen, physische Kraft mit intellektuellem Spaß an der Musik zu versöhnen. Ja, und es stimmt: als die Fotografen nach den ersten drei Songs ihr Handwerk eingestellt haben, machen Anzugjacke und Schlips dem T-Shirt mit Tiermuster Platz. Der kleine Herr kann ganz groß und tierisch wild sein. Rock me, Cullum - und in welche Stadt passt dieser Ausruf besser als in Wien, wo es bereits „Rock me, Amadeus“ hieß?
Rundum glücklich Menschen machen sich dem Konzert auf den Weg in ihre „little boxes“, zur U-Bahn und in ihre Wohnungen. Das Runde muss in das Eckige, und am Mittwoch geht es, praktisch mit einem zweiten Eröffnungskonzert, weiter: Bobby McFerrin wird mit dem Jazzchor Freiburg sein Projekt „VOCAbuLariesS“ aufführen, und das wird eine runde Sache werden, wie in dem Probenbericht zu entnehmen sein wird, der noch vor dem Konzert hier zu lesen sein wird. Also Obacht, wenn es bald hier heißt: „Sing-a-long mit Bobby!“
Harald Justin
Posted by Jazz Fest Wien/Team am 30.05.2010 .
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