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Juliette Greco | Melody Gardot – 01.07.2010 Wiener Staatsoper
Das gibt es immer wieder und hat Tradition beim Jazz Fest Wien: der Tag, an dem die Diven kommen, singen und die Herzen gewinnen. Beim Diventreff mit Juliette Greco und Melody Gardot in der Wiener Oper traf amerikanisches und französisches Temperament auf ein begeistertes österreichisches Fachpublikum, das die Zeitlosigkeit von Diventum, Chanson und Jazz feierte.
Boh, hat die Augen! Unten, in den Garderoben-Katakomben der Wiener Oper guckt sie mich an: Juliette Greco, mit Augen, so groß und schwarz wie die Nacht. Das sind die Augen, die schon Miles Davis, Jacques Brel, Picasso und Jean-Paul Sartre gesehen haben, und mit genau diesen Augen guckt sie mich beim Öffnen der Garderobentüre fragend an. Sie braucht jemand, der ihr bei dem mit diversen Stolperfallen bestückten Gang zur Bühne einen starken Arm leiht. „Gerne“, denke ich noch, „das ist der Arm, an dem schon …“ - da wird mir auch schon ein Mensch mit besseren Französischkenntnissen, ein echter Franzose, vorgezogen. Schade, kleidungstechnisch, mindestens farblich, kamen wir uns schon ganz nahe mit unserem Schwarz.

Andererseits, was sind meine Hosen und mein Hemd gegen das, was sie allem Anschein schon vor zwei Jahren, als sie das Publikum mit der Darbietung spartanisch instrumentierter Chansons verzauberte, trug: ein enges Fünflochteil. Dieses so genannte „Etuikleid“ mit den Fledermausärmeln trägt sie auch heute, und warum auch nicht, scheint sie doch nicht einen Tag gealtert. Sie ist der lebende Beweis für die Vermutung, das Männer im Alter im besser aussehen, und Frauen überhaupt nicht altern. Wundersam!
Und ein wunderschönes Auftaktkonzert des Jazz Fest Wien in der ausverkauften Wiener Oper war das Konzert auch. Als die Töne des letzten Liedes verklingen und der tosende Beifall einsetzt, flüstern die bereits wartenden Musiker des zweiten Stars sich ein ehrfürchtiges „Hör, die bekommt ganz viel Beifall“ zu. Wer will danach schon noch auf die Bühne?
Aber das nächste Frauenwunder wartet bereits. Sie will auf die Bühne, die Melody Gardot. Aber sie kann noch nicht. Aufgeregt kommt sie in den Gang gestürmt. Wieder würden wir farblich gut zusammen passen. Allein, ihr sehr, sehr enges schwarzes Kleid hat einen Nachteil: irgendein verdammter Reißverschluss klemmt. (So lerne ich viele neue amerikanische Schimpfwörter, genug, um mir heute Abend noch die Ohren mit ganz viel Seife auszuwaschen!). Bevor ich jedoch helfend herbei eilen kann, ist es aber, je nach Betrachterstandpunkt leider oder glücklicherweise, schon gerichtet. Es zippt wieder.
Und während die Greco als feine, klein und zerbrechlich wirkende Diva vor mir stand, macht die Gardot den etwas anderen Eindruck: Sie trägt Mörder-HighHeels, für die Männer morden, in denen andere Frauen sterben würden und über die sich nur Orthopäden freuen. Das Kunstfußwerk hebt sie locker auf eine mehr als respektable Körperhöhe. Ihr jetzt gegenüber zu stehen, heißt, auf ihren Bauchnabel gucken zu können. So wie ich jetzt, so muss sich Jamie McCullum gefühlt haben, als er mir beim JazzFestKonzert am 30.Mai gegenüberstand: jung, unschuldig und voller verdorbener Gedanken.

Noch einmal verschwindet die Diva in der Garderobe. Dann, mit neuem, nicht minder gefährlichen Hochhackigem schreitet sie, uns Fußvolk keines Blickes würdigend, zur Tat. Die heißt aber erst einmal nicht, auf die Bühne gehen und singen. Sondern?
Im sehr, sehr engen Gang zur Bühne hat sie mit ihren Musikern einen engen Kreis gebildet. Ihre Hände haben sie vorgesteckt, ineinander verschränkt. Es wird viel geflüstert, dann laut gerufen: „Tip, Tip, Tip – yes, we can!“ Dann erst wird auf die Bühne gegangen, erklingen drei von elf geplanten Liedern, bevor die Diva sich wieder in die Garderobe für eine Highheels- und Robentausch zurück begibt und der mit fantastischen jungen Musikern ausgestatteten Band Platz zum Brillieren einräumt. Die Musik, von einer Rhythmusgruppe, einem Reedbläser, einem Cellisten und ihr am Klavier dargeboten, ist um einiges eckiger, klarer und experimenteller als ihr von Geigenklängen umflortes Album “My One And Only Thrill“. Das schadet überhaupt nicht. Ihr jedenfalls nicht, dem Publikum nicht und wenn überhaupt, höchstens ihren Mitbewerberinnen beim Konkurrenzkampf um die Krone der neuen jungen Jazz-Diseusen.
Noch bevor der letzte Ton ihres Klaviers verklungen ist, ist das rasende Reporter-Ich aber auch schon auf dem Weg ins Porgy & Bess, nicht vergessend, dass ein weiterer gern gesehener Gast dort wahrscheinlich den Putz von der Decke bläst: James Carter ist mit seiner Band wieder einmal in Wien, und natürlich ist es wieder einmal meisterhaft, wie er die Töne in die Tröte rotzt. Vu-vu-trööt, und bei jedem Ton erklingt bei ihm das gesamte Erbe und die Zukunft des Jazz mit. Ich schaue mir seine Ohren an. Auch ganz toll. Was die schon alles gehört haben: John Coltrane, Eric Dolphy, Albert Ayler, Mingus und Miles. Was die Greco ihm wohl erzählen würde, wenn sie ihn mit ihren großen schwarzen Augen angucken würde, den Mund öffnet und …aber das ist eine ganz andere Geschichte, die auch morgen sicherlich nicht erzählt werden wird, wenn es um die Frage geht, was eigentlich backstage passierte, als Randy Crawford und Joe Sample aufspielten und zum „Streetlife“ aufriefen.
(Harald Justin)
Posted by Jazz Fest Wien/Team am 01.07.2010 .
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