Jazz Fest Wien Blog
 

Herbie Hancock – 05.07.2010 Wiener Staatsoper

Lionel Loueke, Greg Phillinganes, Herbie Hancock70 Jahre und kein bisschen leise: Herbie Hancock. Bei den ersten Funk-Rhythmen wackelten die Türen der Wiener Oper im Takt. Der Bundespräsident ist zu Gast, und eigentlich dreht es sich nur um eines: um Lebenserfahrung. Alles eine Frage des richtigen Schuhwerks.

Bobby McFerrin, Juliette Greco, Joe Sample, Al Jarreau – die Reihe der lebenden Alten, die so legendär wie aktiv sind und die genug kreatives Talent haben, um so manchen gehypten Superstar in die Tasche stecken können – aus der dann ein Talent wie Jamie Cullum springt – wird natürlich auf dem Jazz Fest Wien fortgesetzt. An Montagabend mit Herbie Hancock.

Wen erinnert er nicht an Bert Brechts Herrn Keuner, der sich einmal fürchterlich über die Bemerkung eines Bekannten ärgerte, der zu ihm meinte, er habe sich in den letzten Jahren gar nicht verändert. Herr Keuner ärgerte sich, weil er ausgerechnet das Prinzip des ständigen Veränderns zu dem seinen gemacht hatte. Herbie Hancock ist so ein Keuner-Typ. 70 Jahre hat er erlebt, das sind auch 70 Jahre, in denen er sich ständig verändert hat. Ok, vom Babyrasselschüttler zum Pianisten, das war mehr als nur ein erster wackliger Schritt. Danach aber, als Pianist fing er erst richtig an zu laufen, erfand sich vom Jazz über Funk und Rock allemal neu, ohne seine Wurzeln im Jazz zu verleugnen, Da steht er also auf der Bühne mit 70 Jahren erlebter Musikgeschichte in den Knochen – und wer nur einmal bedenkt, wie viele Musiker das Jazz Fest Wien in den 20 Jahren seines Bestehens auf die Bühnen gebracht hat, um wie viel reicher so ein Musikerleben im Vergleich zu dem ebenfalls doch recht prall gefüllten Gesamtprogramm ist, mag erachten, wie viel Musikgeschichte mit diesem Siebzigjährigen die Bühne betritt.

Herbie Hancock Herbie Hancock

Den Reiz des Phänomen Hancock macht es aus, dass er sich keinesfalls nur mit Traditionspflege aufhält. Neueste Keyboardtechnik, das ständige Reagieren auf aktuelle Probleme der Weltgeschichte und ein ständiger Austausch mit neue, jungen Musiker zeichnen ihn als einen der Musiker mit der Kraft der ewigen Präsenz aus. Und sein mit Songs wie „Imagine“ und „A Change Is Gonna Come“ vorgetragener Wunsch bleibt voraussichtlich auch noch länger aktuell.

Wie frisch aus eben dem Jungbrunnen dauerhafter Präsenz entsprungen, sitzt er im Catering-Bereich und speist, inmitten von Obstsalat, obskur bestückten Semmeln und vieler weiterer, ebenfalls essender Menschen vor sich hin. Kein Star mit Allüren, sondern einer von vielen. Und er sieht so jung aus, dass wir alle rätseln: Wie macht er das bloß? „Es sind die Gene meiner Mutter“, soll er einmal gesagt haben. Leider sind die Zeiten für Muttertausch schon vorbei.

Als eine Gruppe Sponsoren durch den Backstage-Bereich geführt wird, schließt er sich ihnen umstandslos an und parliert locker mit ihnen über die Kunst des Investierens in Sachen Jazz. „Please, don’t bet your last euro on me – „Bitte, verwetten Sie nicht Ihren letzten Euro auf mich!“ Soviel Selbstironie muss sein.

Herbie Hancock Tal Wilkenfeld

Unter den Anwesenden erkenne ich nur den Gitarristen Lionel Loueke. (Hat der nicht einmal im Porgy & Bess gespielt?) Das kleine Mädchen mit den Struwwelpeterhaaren und dem Obstsaftglas in der Hand ist bestimmt die Freundin eines Technikers, die auch einmal Starluft schnuppern möchte. Und ich wundere mich, dass heute aber auch jeder Zutritt in die geheiligte Catering-Halle bekommt.

Ansonsten hat sich Bundespräsident Heinz Fischer angesagt. Nicht in die Garderobe, sondern in die Oper. Da sitzt er denn auch. Leider hat er einen wichtigen Termin wahrzunehmen, so das er nicht bis zum Schluss des Konzerts dableiben kann.

Irgendwann sehe ich das kleine Mädchen mit den Struwwelpeterhaaren auf der Bühne mit einem Bass herumhantieren. Darf die das? Ja, die darf, sagt eine allwissende Dame neben mir, denn „das ist Tal Wilkenfeld“, die berühmte Bassistin und Frischzellenkur für Herbie Hancock, die, jung an Jahren, schon bei Jeff Beck für Furore sorgte. Oops, Blindfisch ich. Ich habe allerdings auch schon einmal den Tischnachbarn des Wahlwiener Bluesbarden Hans Theessink für seine Mutter gehalten. In Wirklichkeit war es aber die sechziger Jahre Folkpop-Ikone Donovan.

Herbie Hancock backstage Herbie Hancock backstage

So kann es gehen. Nur wer sich irrt, kann lernen und sich weiter entwickeln. Das sagt auch Christina Train, die Sängerin, die mit Herbie Hancock das aktuelle „Imagine“-Projekt auf die Bühne bringt. Während sie sich bei einem längeren Solo des Meisters eine Pause gönnt, bin ich gespannt, ob sie diese Auszeit nutzt, um aus ihren Highheels zu schlüpfen. Aber nein, in vollkommener Haltung steht sie backstage, einen gesunden Apfel essend. Als ich sie auf ihre Highheels der Marke „Christian Louboutin“ anspreche – das sind die mit der roten Sohle – freut sie sich. „Die sind total bequem. Sie haben ein perfektes Fußbett, so dass sie einen guten Halt geben und nicht schmerzen. Aber das habe ich erst nach langen Jahren erfahren, in denen ich immer die falschen HighHeels trug und genug Schmerzen erfahren habe. Ich habe es wirklich auf die harte Schule durchgemacht.“ Gehenderweise…

Schuhkunstwerke, die die Schule ersetzen und voller komprimierter Lebenserfahrung stecken? Schwarzes Oberleder, eine rote Sohle und ein Stiletto–Absatz, mit dem frau besser kleinen soo süßen Hunden nicht in die Quere kommt, als ein praktischer Überlebenslehrer? Eine gute Frage. Und wer kann sie morgen in der Oper besser beantworten als ein weiteres Clubmitglied aus dem Kreis der munteren Alten? Jeff Beck kommt, und wie heißt einer seiner All-Time-Hits? „Spanish Boots“!
(Harald Justin)

Posted by Jazz Fest Wien/Team am 05.07.2010 . Permalink

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