Jazz Fest Wien Blog
 

Jeff Beck – 06.07.2010 Wiener Staatsoper

Jeff Beck (c: W. Gonaus)> Fotos auf flickr
Jeff Beck dreht die Lautsprecher auf, lässt es jaulen, donnern und krachen. Er streichelt die Gitarre, bis es zu einem Höhepunkt auf dem Jazz Fest Wien kommt. Was danach kommt, spielt an einem anderen Ort.

Die landläufige Vorstellung vom Pianisten lässt es nicht unbedingt zu, das er sich mit seinem Lieblingsinstrument ins Bett legt. Von Gitarristen allerdings wird ja oftmals behauptet, dass sie …och, nö, das ist doch bestimmt ein Klischee, oder?

Nun denn. Am Dienstag zieht es mich vor dem abendlichen Konzert von Jeff Beck in der Wiener Oper aus unbestimmten Gründen in den Garderobenbereich. Jeff Beck, einen dieser Gitarrengötter, dort zu treffen, das wird ja so unmöglich sein wie sich in einem Spiegel, in den man schaut, von hinten zu sehen.

Kaum gedacht, schau ich auch schon durch die weit geöffnete Tür in die erste Garderobe, „Guten Abend!“ Das war Rhonda Smith, die fabelhafte Bassistin der Jeff Beck Group. Hinter der nächsten Tür macht sich Narada Michael Walden, der Drummer, bühnenfertig und presst seinen nicht ganz schlanken Körper – ihn formten, wie Randy Crawford sicherlich sagen würde, mindestens „Nuddeln and Gulasch“ – in einen engen Catsuit. Fast schön. Aber dem Trommeln, das zeigt er später, hilft es ungemein. Schwarze Catsuits sollten zur Standardbekleidung von Drummern gehören.

Jeff Beck (c: Wolfgang Gonaus) Jeff Beck (c: Wolfgang Gonaus) Jeff Beck (c: Wolfgang Gonaus) Jeff Beck (c: Wolfgang Gonaus)

War er es, der sich laut diese „crazy sausages“, diese verrückten Würstchen wünschte? Keine Ahnung, auf alle Fälle wurden Käsekrainer besorgt.

Jason Rebello, der Keyboarder läuft auf dem Gang herum und sucht seinen Hut. Und dann fällt der Blick durch die weit geöffnete Tür und trifft auf einen sich auf dem Bett herumlümmelnden jungen Mann. Die Schuhe – keine Highheels, wie man vielleicht aufgrund der letzten Berichte glauben möchte - hat er ausgezogen, die Gitarre hält er mitten auf dem Bauch, aber jung ist er eigentlich nicht. Denn er, der da selbstvergessen laute Schlangenlinien auf seiner Gitarre gen Zimmerdecke schickt, trägt seit ungefähr fünfzig Jahren die gleiche Frisur und seit Jahrzehnten das gleiche ärmellose T-Shirt: The one and only Jeff Beck mit der Gitarre im Bett. Eine Legende, jung geblieben.

Der 66jährige ist so jung geblieben, dass es ihm nichts ausmacht, danach in eine sehr hässliche Hose mit einem selbstleuchtenden Seitenstreifen – wohl von einem Bediensteten der Müllabfuhr ausgeliehen – zu schlüpfen. Aber auch hier gilt: dem Gitarrespielen hilft es.

Das zeigt er dann auf der Bühne, mit einem Repertoire, das weder vor Bluestiteln wie „Rollin’ And Tumblin’“ noch vor dem Beatles-Klassiker „A Day In The Life“ halt macht. Er streichelt seine Gitarre, entlockt ihr durch Manipulation am Lautstärkeregler und am so genannten „Jammerhaken“ die unglaublichsten Töne, sowohl auf der nach oben offen Brutalo-Skala als auch auf der nach unten offenen Beim-Sonnenuntergang-werden-Zärtlichkeiten-Ausgetauscht-Skala. Laut und manchmal leise, so schreit die Gitarre auf, da braucht der geniale Gitarrenstreichler selbst wenig sagen, und die Wucht, mit der er und seine Gruppe der Musik die ganze Bandbreite der Emotionen entringen ist so jazzig wie rockig, so dass ältere und jünger Menschen im Publikum mit den Köpfen wippen und die Münder vor Staunen weit genug geöffnet haben, um ganzen gebratenen Vogelscharen Einlass zu gewähren. Gitarrenfreunde jedenfalls können sich wie im Schlaraffenland fühlen, am Dienstag in der Oper, dem unbestrittenen Höhepunkt in diesen Jazz Fest - Tagen. Für die Zugabe kommt noch die Sängerin Imelda May mit auf die Bühne und macht Appetit auf ihren Auftritt am Mittwoch vor dem Rathaus.

Und dann lässt Beck es noch einmal donnern und jaulen, die Türen in den Logen wackeln im Takt, man kann es von außen sehen und fühlen. Unbestätigten Berichten zufolge ist - und jetzt müsst ihr lieben Wiener ganz tapfer sein - die Wiener Oper dann  in der Nacht zusammengestürzt. Nur noch Schutt und Asche. Einfach zerbröselt.

Bestätigten Berichten zufolge war Becks Auftritt deshalb der letzte, der heuer im Rahmen des Jazz Fest Wien in der Oper stattfand. Als hätten die Veranstalter vom Einsturz der Oper nach seiner Jaul-und-Donner-Attacke im Voraus gewusst, finden die nächsten Veranstaltungen vor dem Rathaus, im Arkadenhof oder im Porgy & Bess, dem Reigen oder im Jazzland statt.

Und wer genau hinschaut, sieht, dass Beck bei seinem Auftritt  seine Hosen in seine dunkelblauen Wildlederstiefel gesteckt hat. Ein dezenter Hinweis auf seine eigenen „Hi-Heel-Sneakers“, deren Lob er schon einmal mit dem gleichnamigen Titel bei einer Filmmusik angestimmt hat? Der Film zur Musik spielte in Asien, und ist es da mehr als ein Zufall, dass am Mittwoch mit Dwiki Dharmawan ebenfalls eine Band aus dem asiatischen Raum, aus Indonesien, aufspielt? Und zwar im Arkadenhof des Rathauses, Nicht mehr in der Wiener Oper. Neuer Ort, neues Glück. Und kein Ort, um sich aufs Bett zu legen.
(Harald Justin)

Posted by Jazz Fest Wien/Team am 06.07.2010 . Permalink

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