|
Dwiki Dharmawan – 07.07.2010 Rathaus/Arkadenhof
Das Jazz Fest Wien hat in den Arkadenhof des Rathauses geladen. Denn vom Jazz inspirierte Musik wird nicht nur in Europa, sondern auch in Indonesien gespielt. Und niemand geringerer als Dwiki Dharmawan, Superstar in seiner Heimat, ist gekommen, ist als Botschafter des guten Geschmacks gekommen.
Wie bitte? Die Wiener Oper sei durch die Schallwellen Beck’scher Gitarrenkunst gar nicht zerbröselt, wie sich hunderte besorgter Wiener Leser dieses Blogs sich noch in der Nacht überzeugten? Ist das die Wahrheit, nach der Jeff Beck 1968 sein Album „Truth“ benannte? Oder stimmt der Satz: „Truth Is Stranger Than Fiction”? Ist die Wahrheit, dass die Oper nach den Attacken Becks noch steht, nicht das größere Wunder? Oder wurde sie in der Nacht ganz schnell wieder aufgebaut?
Wer sich solche Fragen stellt, ist am Mittwochabend am Rathaus willkommen. Nicht nur, weil Allan Harris, seit Sonntag Herrscher im „Jazzland“, mit seinem Killerdog „Ruby“ kurz vorbeischaut; nicht, weil die Dubliner Sängerin Imelda May mit ihrer Band auf dem Rathausvorplatz aufspielt. Gestern war sie noch Gast bei Jeff Beck, nun steht sie auf der Bühne, soooo klein vor der übermächtigen Kulisse des Rathauses. Hier zu spielen, ist eine undankbare Aufgabe. Man muss die Weite des unendlichen Himmels ausfüllen, noch dazu die Distanz von der Bühne bis zu den ersten Sitzreihen überbrücken und mit dem Angebot von thailändischen, griechischen oder australischen Leckereien konkurrieren. Aber Imelda und ihre Rock-a-Billy-Jungs schaffen, woran schon viele namhafte Musiker vor ihr an diesem Ort gescheitert sind. Am Ende des Konzertes ist der Platz vor der Bühne prall gefüllt. Singt sie, singt das Publikum mit, gurrt sie, gurrt das Publikum mit. Ein schöner Erfolg, und die Glückwünsche nimmt sie mit einem „Gimme Five“ entgegen. Mach’ ich doch gerne!

Der eigentliche Star des Abends im Rathausinnenhof ist aber der indonesische Pianist Dwiki Dharmawan. Viele Fotografen sind da, viele ernst und wichtig schauende Männer und Frauen aus (wahrscheinlich) Indonesien. Und viele sehr junge Zuhörer ohne Bartwuchs und mit Kopftuch, die zur Musik von der Bühne heftig miteinander flirten. Dabei ist die Musik eigentlich nicht so, dass sie zum Anbandeln einlädt, oder? Dharmawan spielt rhythmisch und melodisch komplex, Barry Likumahuwa gibt seine eigentümlich befremdlichen Basslinien hinzu, die aus einer anderen Welt zu kommen scheinen, während im Hintergrund Ade Rudiana die Tablas beklopft. Später kommen noch Dharmawans Freunde Andy Suzuki und Kamal Musallam hinzu, Saxophon blasend und Oud zupfend. „This Is Music With Love From Indonesia“, sagt der Pianist von der Bühne herunter, und gleich wird in den Sitzreihen eine Spur heftiger gekichert und mit den Körpern gewackelt. Hihi.
Im Backstage-Bereich erzählt der Gitarrist von Imelda Mays Band, dass sie sich seit zwei Jahren auf einer „Never-Ending-Tour“ befinden. Ihre Rock-a-Billy-Sound hat Fans in Dublin, England und in den USA gefunden. Leider vergesse ich zu fragen, ob sie diese eigentlich amerikanische Musikform aus den fünfziger Jahren auch schon in Asien gespielt haben. Wie reagiert man wohl in Asien auf derlei Musik? Genauso begeistert wie auf Jazz, der sich Asien großer Beliebtheit erfreut?
Von Dharmawan heißt es, er vermische traditionelle indonesische Musik mit westlichem Instrumentarium und westlicher Musik. Aber was spielt er an diesem Abend? Hören die vielfach erschienenen Indonesier eine andere Musik als die anwesenden Österreicher, Briten und Amerikaner? Hören sie Melodien und Strukturen aus Indonesien – oder hören sie das, was auch ich höre, nämlich eine Spielart des Jazz, die sich unendlich vieler Einflüsse, von Klassik bis Jazz bedient, aber in meinen Ohren wenig Indonesisches an sich hat? Ist es die Wahrheit, wenn es über Dharmawan heißt, er fusioniere indonesische mit westlicher Musik? Oder ist das bloß eine wundersame Fiktion, die die unrühmliche Vorbildfunktion westlicher Musik auch in Asien zu bemänteln hilft? Was ist Wahrheit, und was ist Fiktion, und was ist stärker?

Wo ist nun der Experte für indonesische Volksmusik, wenn man ihn einmal braucht? Natürlich nicht zur Hand. An die fassen sich gerade zwei Jugendliche und versuchen, sich mit der anderen Hand Frühlingsrollen in die beidseitig geöffneten Münder zu stecken. Süß. Wer den 66jährigen Beck, den 70jährigen Hancock und die auch nicht junge Greco gesehen hat, weiß, Jazz ist ein Jungbrunnen. Sicherlich sitzen vor mir auch keine Jugendliche, sondern Erwachsene in den Körpern von Jugendlichen. Vielleicht ist ja auch ein Experte unter ihnen? Kurze Anfrage, kurze Antwort: „Die Musik macht mir Spaß. Mir gefällt es ganz einfach. Ob das indonesisch ist, ist mir egal.“ Nun, vergreist ist der Frühlingsrollen-Schieber offenbar nicht. Höchstens ein Anhänger des bedingungslosen Spaßes.
Auf der Bühne bläst Dharmawan in eine elektrische Melodica. Japanische Musikhersteller statten ihre für den nordafrikanischen Raum bestimmten Keyboards mit einer so genannten „Jaller“-Taste aus, mit der das in Nordafrika so beliebte „Jallern“, das Jubilieren in höchsten Tönen arabischer Frauen, per Knopfdruck simuliert werden kann. Was passiert, wenn die indonesischen tonalen Systeme auf das des Westens triftt? Gibt es dafür auch Knöpfe, oder fährt da das östlich-westliche Musikverständnis gegen die Wand? Dwiki Dharmawan soll aus der Malaise einen Ausweg gefunden haben. Was seine Melodica dazu sagt, weiß ich nicht. Bei dem von ihm inspirierten Spiel auf meiner nicht-elektronischen Melodica zerbröselt einige Stunden nach seinem Konzert nur eines: mein Selbstbild als 1a – Melodica-Virtuose. Da hilft mir alten Afrikaner nur noch der Griff zur Vuvuzela, zu diesem angeblich urafrikanischen Nationalinstrument. Ein Mann, ein Ton. Wahr oder Fiktion?
(Harald Justin)
Posted by Jazz Fest Wien/Team am 07.07.2010 .
Permalink
|