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Muthspiel/Grigoryan/Towner | Manu Katché | Nikki Yanofsky – 08.07.2010 Rathaus/Arkadenhof
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Donnerstag war der Tag der sommerlichen Leichtigkeit: eine junge Kanadierin, ein Gitarrentrio mit dem Österreicher Wolfgang Muthspiel und ein Jazz-Quartett um den Franzosen Manu Katché machten es dem Publikum leicht: es brauchte beim Beifall nicht geizen. Es sei gelobt.
Nach der bleiernen Schwere der Mittwochnacht wegen der finalen Erkenntnis, dass meine Melodika-Virtuosen-Karriere im Vergleich zu der des Indonesiers Dwiki Dharmawan sehr, sehr kurz sein würde, und nach vielen Tränen, die zwar kein Opernhaus einstürzen ließen, aber immerhin doch ein Papiertaschentuch hinreichend nässten, um es in alle Einzelteile zu verflüssigen, konnte es – nun bitte Luft holen und Gedanken ordnen zwecks Verstehens dieses schwergewichtigen Bandwurmsatzes – nur besser werden am Donnerstag.

Klar doch. Es fängt schon gut an. Mit Nikki Janowsky, einer 16jährigen Sängerin aus Kanada. Wer in den letzten zehn Jahren noch nichts von ihr gehört hat, sollte sich sicher sein, dass in den nächsten zehn Jahren noch eine Menge von ihr zu hören sein wird. Das pfeifen jedenfalls die Spatzen von den Dächern, die sich über den zukünftigen Bühnen, die die Welt bedeuten, erheben. Der neben Terez Motcalm zweiten Kanadierin auf dem Jazz Fest wird eine großartige Karriere vorausgesagt, und wer sie auf dem Rathausplatz erlebt, wie sie Songs aus dem Great American Songbook mit dem Selbstbewusstsein der Jugend singt, kann nur auf ein Wiederhören in einigen Jahren hoffen. Der Verkaufsstand ihrer CD ist dicht umringt, und später, hinter der Bühne, erzählt sie, dass es sie sehr glücklich gemacht habe, auf dem Jazz Fest aufzutreten. „Das war toll, hier singen zu dürfen. Das Publikum ist ja fantastisch. Es gibt mir soviel Energie zurück, ich bin total glücklich.“ Na also, geht doch.
Während des Konzertes steht Dorretta Carter plötzlich neben mir. Wir erinnern uns: nach ihrem Konzert am Samstag auf dem Gelände der Fernwärme, fragte ich sie nach den Gründen für ihren schicken blauen Verband an der Hand. Sie sagte, dass sie sich die Verletzung bei der Züchtigung ihrer nicht so folgsamen Musiker geholt habe. Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass sich die immer stilvoll gekleidete Dame auch ohne Schläge Respekt verschaffen kann, frage ich vorsichtig nach: „Is It Truth Or Fiction?“ The Answer Is Blowin’ In The Wind, und ansonsten freut sie sich, dass so junge Sängerinnen wie Nikky Janowsky das Erbe des Jazz für die junge Generation retten. Alles Friede, Freude und Sonnenschein vor dem Rathaus.

Im Arkadeninnenhof bereiten sich derweil die Gitarristen Ralph Towner, Slava Grigoryan und Wolfgang Muthspiel auf ihr gemeinsames Konzert vor. Was dann zu hören sein wird, sprengt alle musikalischen Grenzen: feinziselierte Gitarrenkunst auf höchstem Niveau, die auf kein musikalisches Genre festgelegt ist, trotzdem aber sowohl individuelle Zugangsweisen und kulturelle Hintergründe nicht verleugnet. Wolfgang Muthspiel, das österreichische Bindeglied zwischen Towner und Grigoryan, sagt: „Wir haben viele Einflüsse in unserem Spiel. Da ist die Klassik, das sind Jazz, Blues. Und gerade, als ich Ralph zuhörte und zu spielen anfing, musste ich an Jeff Beck denken. Sein Konzert in der Wiener Oper habe ich gesehen. Ein großartiger Gitarrist, und dieser Gedanke floss wohl in diesem Moment auch in mein Spiel ein.“
Und das, obwohl das Trio an diesem Abend weniger improvisiert, als vielmehr einige Kompositionen interpretiert. Aber wer es nicht weiß, für den ist das Ergebnis eine wunderbar leichte Musik, wie geschaffen für den Arkadenhof mit seinen Palmen und Steinskulpturen. Das Publikum lauscht konzentriert, und Muthspiel zeigt sich begeistert: „Als es Jeff Beck in der Oper frenetisch gefeiert hat, war ich richtig stolz auf das Wiener Publikum.“ Das kann er in seinem Fall auch sein.
Mitten im Publikum steht Kamal Musallam, der jordanische Oudspieler und Gitarrist, der am Mittwoch mit seinem Spiel in der Band von Dwiki Dharmawan begeisterte. Er ist der Experte für indonesisch-arabisch Musik, den ich gestern gerne neben mir gehabt hätte. Heute erklärt er mir geduldig, was an der Musik Dharmawans typisch indonesisch ist, und wieso er das als Araber verstehe. „Jeder Indonesier, der gestern beim Konzert hier war, müsste die typischen Elemente in den Tonfolgen erkannt haben, zum Beispiel …“ Was jetzt an erklärenden Worten kommt, spare ich mir einmal für den nächsten Besuch aus Indonesien oder einen weiteren, streng musikwissenschaftlichen Blog auf und verweise nur auf das Ergebnis: „Es gibt eine breite Straße des kulturellen Verstehens zwischen Arabien und Asien. Wobei die Asiaten offener für westliche und arabische Einflüsse sind als umgekehrt. Das ist leider allzu oft eine Einbahnstraße des Verstehens.“ Aber dank Musikern wie Dwiki Dharmawan und ihm, Kamal Musallam, wird sich das, so sagt er, „hoffentlich ändern.“ Soll so sein.

Prima. Heute klappt einfach alles. Ist so sommerlich leicht hier. Manu Katché, der französische Drummer, der auch einmal für den Briten Jeff Beck Besen und Becken rührte, entlässt eine Musik in den Rathausinnenhof, die abstrakt genug ist, um sich in Gedanken zu verlieren, ohne sich von irgendwelchen Aufdringlichkeiten musikalischer Natur belästigt zu fühlen.
In der Bim ziehe ich einen Tauchsieder aus meiner Hosentasche und brühe mir schnell einen Kaffee mitsamt „Nuddeln and Gulasch“ (Randy Crawford) auf. Es ist toll in einer weltoffenen Stadt zu leben. Hier treffen sich der Osten, der Westen der Süden und der Norden. Nur eine bekanntlich kleine radikale Minderheit möchte wieder zurück in die Zeiten vor dem multikulturellen Verstehen. In Wien liebt man seine Tschuschen und Piefkes. Gut nur, dass die Türken den Wienern den Kaffee vermachten und dann erst einmal wegzogen. Die Bim ruckelt sich in eine leichte Kurve hinein. Beim Blick auf die Karlskirche, von Johann Bernhard Fischer von Erlach nach türkischen Vorbildern erbaut, verschütte ich fast den Kaffee. Schön, die Karlskirche steht noch. Wie sähe der Karlsplatz wohl ohne sie aus? Die auch nicht in Wien erfundenen Nudeln und das Gulasch, die allerdings machen sich auf den Weg und verabschieden sich in Richtung des Nachbarn. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte, die ich auch morgen nicht erzähle, wenn es mit Nachbarn wie dem Deutschen Max Herre, dem Afroamerikaner Terry Callier und den Italienern von Funk Off klappt und noch einmal neue Wege des Kulturaustauschs beschritten werden. Nicht auszudenken, ich würde sie morgen mit den für ihre Nationalitäten in Wien durchaus bekannten „Spitznamen“ begrüßen. Dann wäre es aber Knall auf Fall vorbei mit der Leichtigkeit an einem Donnertagabend.
(Harald Justin)
Posted by Jazz Fest Wien/Team am 08.07.2010 .
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