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Terry Callier | Max Herre – 09.07.2010 Rathaus/Arkadenhof
Das Jazz Fest Wien 2010 fing gut an. Und es hörte mit drei unterschiedlichen Konzerten auch gut auf. Die letzten Gäste, Funk Off, Max Herre und Terry Callier, machten das Licht aus. Aber natürlich nur, damit es im nächsten Jahr noch heller scheint.
Das richtige Timing ist das A und O des Seins. Das fängt bereits bei der Zeugung an, und, mit Verlaub, den passenden Zeitpunkt zum Sterben abzupassen, das gelingt auch nicht jedem. Diese Erkenntnis aus dem ungeschriebenen „Jazzbuch der Lebenskunst“ wurde wo, bitte schön, noch einmal bestätigt? Richtig, beim Jazz Fest Wien, dass heuer nicht nur sein 20jähriges Jubiläum feierte, sondern auch pünktlich mit der Fußballweltmeisterschaft zu Ende ging.
Und wer könnte besser für das verbindende Element zwischen Tragik und Lust, Freistoß, Freibier und Freiheit einstehen als ausgerechnet eine italienische Band wie Funk Off? Die Walking Brass Band, komplett mit Pauken und Trompeten, Saxophonen und Trompeten, einer Tuba und Trompeten, startet in der Kulinarikmeile vor dem Rathaus und kämpft sich dann den Weg durch die Menge auf die Bühne und in die Herzen und Tanzbeine. Fit wie die Turnschuhe, die sie anhaben, mit geübter Choreographie, druckvollem Blaswerk und perfekt aufeinanderabgestimmten Timing, blasen sie dem Jazz den Marsch und neues Leben ein. „Warum seid ihr soviel besser als die italienische Fußball-Mannschaft“, frage ich den Cheffe. „Weil die nur mit den Beinen spielen. Wir spielen zudem aber auch noch mit dem Köpfchen!“, antwortet er und tippt sich mit dem Finger an denselben.. „Außerdem sind wir 15 Mann, nicht nur elf!“ Stimmt.
15 angefunkte Blasefixe springen, trommeln, blasen. 15 Freunde sollt ihr sein, und Funk Off bieten eine überzeugende Teamleistung. Und sind sie auch gefährlich? „Nein. Es hat sich bislang nur einer verletzt, einer unserer Trompeter, so ganz leicht an der Lippe. Nicht wirklich schlimm.“ Einen anderen Mitbläser frage ich direkt nach ausgeschlagenen Bläserzähnen, die ja beim Tanzen mit einem Saxophon im Mund durchaus an der Tagesordnung sein könnten. „Psst, aber das gehört halt dazu!“, flüstert er. Ohne Risk No Fun.
Und es machte Spaß zu sehen, welche Risiken die diversen Bands auf dem Rathausvorplatz auf sich nahmen, um sich bei Gratiskonzerten ihr Publikum, größtenteils Laufkundschaft mit Esstellerchen und Biergläsern in den Händen, zu erobern. Funk Off reihten sich mehr als mühelos in die Ehrenriege von Imelda May und Nikki Janowsky ein.

Anders bei den Konzerten im Arkadenhof des Rathauses. Das Gitarristenduo Towner, Muthspiel und Grigoryan fand am Donnerstag ein zahlendes Publikum, das mit Geduld und Aufmerksamkeit den Etüden zwischen Klassik und Jazz lauschte. Ein Zielpublikum. Genau das Richtige auch für Max Herre, den deutschen Liedermacher mit HipHop-Vergangenheit (Freundeskreis hieß seine Band.). Um das Publikum am Freitag, dem Abschlussabend für sich zu begeistern, braucht er nicht lange. Sein Freundeskreis in Wien ist offensichtlich groß, und es feiert ihn mit Hingabe und mitgesungenen Texten. „Im vorigen Winter spielte ich schon einmal im Porgy & Bess. Es ist wirklich ein Spaß hier!“, sagt er und zieht sich Schuhe und Socken aus. Da ich heute bereits schon einmal die Ehre hatte, den 15 Mannen von Funk Off bei einer kompletten Kleidertransaktion zuschauen zu dürfen und feststellen konnte, dass sie notfalls ihr Geld auch als Chippendales verdienen können, erspare ich mir den Rest beim strubbelbärtigen und sehr freundlichen Herrn Herre.

Schließlich ist ja auch noch Terry Callier da, der afroamerikanische Gesangspoet. Nachmittags in der größten Tageshitze hatte ich bereits Grund zum Wundern, trug er doch über T-Shirt und Hemd noch einen dicken Anorak. „Ist das nicht ein bisserl warm?“, lautet die Frage, „Nein, mir war kalt, weil ich den ganzen Tag in Räumen mit Klimaanlagen gesteckt habe“, die Antwort. Seine Musik am Abend legt die Verbindungslinien zwischen kühler afroamerikanischer Songwriterkunst, beißender Sozialkritik, schwerem Jazzfunk, leichtem Folk und heißen Latinorhythmen frei.

Und als einer seiner Songs mit dem Refrain von Coltranes „A Love Supreme“ endet, schleicht sich Wehmut ins Herz. Denn das, liebe Wiener, Jazz-, Musikfreunde und Andersgeartete, das war der letzte Abend beim Jazz Fest Wien 2010. Die mondscheinsüchtigen Lampen im Arkadenhof sollten eigentlich eine unwirkliche Szenerie beleuchten: österreichische, deutsche und amerikanische MitarbeiterInnen lägen sich in den Armen wie eine Familie, die auseinandergeht, um sich im nächsten Jahr hoffentlich wieder zu treffen. Aber alle sind schon weg oder arg mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Nur keine Sentimentalitäten.
So bleibt es dem Reporter-Ich überlassen, sich beim Team für die unermüdliche Nachtarbeit, die das schnelle Erscheinen von Bildern und Texten im Blog möglich machten, zu bedanken. Nur so konnten wir uns über all die LeserInnen freuen. Sie waren natürlich die größten. Ob mit oder ohne Highheels. Wurscht. Denn alles hat einen Anfang und ein Ende, auch diese Weltmeisterschaft des Jazz, bei der es nur Gewinner gab.
(Harald Justin)
Posted by Jazz Fest Wien/Team am 09.07.2010 .
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