Der 1942 in Brooklyn geborene Lewis
Alan Reed, kurz Lou Reed genannt, war über viele Jahre lang
das prototypische Rock´n´Roll Animal des Popzirkus.
In rascher Abfolge wechselten Triumphe und Abstürze. Er verließ
bald sein Elternhaus, studierte ein wenig in Syracuse. Dort traf
er den Poeten Delmore Schwartz, der ihn nachhaltig prägte.
Als Musiker begann Reed schon 1963 als Mitglied der Doowop-Kombo
The Shades erste Erfahrungen zu sammeln. Im selben Jahr zog er
nach New York und verdingte sich zunächst als Staffwriter
bei Pickwick Records. Mit „The Ostrich“ lancierte
er einen kleinen Hit. 1965 gründete er in der Lower East
Side von New York die Band The Velvet Underground mit John Cale,
Sterling Morrison, Maureen Tucker. Auf sanftes Drängen von
Andy Warhol nahm er die deutsche Sängerin Nico mit ins Line-Up
auf. Das Debütalbum enthielt Klassiker wie „Waiting
For My Man“, „Venus In Furs“, „Heroin“
und „Femme Fatale“. Obwohl es nur Platz 131 in den
Billboard Albumcharts erklomm, gilt es als eines der wirkmächtigsten
Alben der Pophistorie. 1970 verließ Reed seines Geistes
Kind und lancierte eine Solokarriere, die zunächst in Großbritannien
begann, wo er mit Rick Wakeman und anderen Musikern von Yes sein
Debütalbum einspielte. 1972 veröffentlichte Reed sein
von David Bowie produziertes Glam-Rock-Meisterwerk „Transformer“,
das den Welthit „Walk On The Wild Side“ enthielt.
1973 erschien das düstere, Album „Berlin“, sowie
das Live-Album „Rock´n´Roll Animal“. Doch
Lou Reed blieb schwierig. Auf sein Popalbum „Sally Can´t
Dance“ folgte seine Gitarrenfeedbackorgie „Metal Machine
Music“. „Coney Island Baby“ zeigte den Misanthropen
Reed von einer überraschend fröhlich-groovenden Seite.
Es folgten superbe Songkollektionen wie „Rock´n´Roll
Heart“, „Street Hassle“ und „The Bells“,
wo er mit Jazzstar Don Cherry improvisierte. In Achtzigerjahren
reüssierte er mit gehaltvollen Werken wie „The Blue
Mask“, „Legendary Hearts“ und „New York“.
In den Neunzigerjahren ediert er nur zwei Alben, darunter „Magic
And Loss“, wo der legendäre Jazzsänger Little
Jimmy Scott gesanglich mithalf. Der mit der Künstlerin Laurie
Anderson liierte Reed konnte jüngst auch mit seinen Edgar-Allen-Poe-Reverien
„The Raven“ und mit „Hudson River Wind Meditations“
gefallen.
Im Vorjahr entschied er sich dafür, sein 1973 veröffentlichtes
Meisterwerk „Berlin“ wieder aufzuführen. Das
von Alice-Cooper-Produzent Bob Ezrin betreute Opus, wartete mit
musikalischen Beiträgen von Granden wie Steve Winwood, Jack
Bruce, Dick Wagner, B.J. Wilson (Procul Harum) und Aynsley Dunbar
auf. Reed begab sich in die Positur des Schmerzpoeten und handelte
zu überirdisch schöner Musik ewige Menschheitsthemen
wie Liebe und Verrat, Fluch und Erlösung auf. Ein zeitgenössischer
Musikkritiker bezeichnete die Liedersammlung als „den unverhülltesten
Exorzismus einer manischen Depression, der jemals auf Vinyl ausgeführt
wurde.“ Das cinematographisch angelegte Werk führt
in eine Welt klarsichtigen Deliriums. Auf der Folie der lasziven
Szene der Weimarer Republik beschwor Reed die Dämonen seiner
damaligen Gegenwart. Gewalt und Paranoia, Drogenabusus und Depressionen
nährten Musik und Poesie. Neben der Instrumentalarbeit der
erwähnten Superstars des Pop beeindruckten auch die ausladenden
Streicherarrangements. Lou Reed selbst spielte Akustikgitarre.
34 Jahre später wurde die Wiederaufnahme ein Triumph. „Berlin“
ging im Vorjahr mit einem 30-Mann-Orchester und zwölfköpfigem
Mädchenchor auf große Tour. Das was Lou Reed als den
von ihm geschaffenen „Hamlet Of Electricity“ ansieht,
war endlich angekommen. Julian Schnabel filmte bei Aufführungen
im St. Ann´s Warehouse in Brooklyn und gestaltet ein beseeltes
DVD-Dokument. Aber was ist die schönst gemachte Konserve
gegen ein lebendiges Konzerterlebnis... Am 4. 7. kann man nun
endlich auch in Wien dieses aufregende Stück Rockhistorie
erleben.
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