Charles Lloyd, 1938 in Memphis geboren,
gehört seit vielen Jahren zu den Säulenheiligen des
Jazz. Sein vielleicht eindrucksvollstes Opus „Lift Every
Voice“, hat er einige Monate nach den Geschehnissen des
11. September aufgenommen. Stilistisch pendelt er da zwischen
Hymnus, Spiritual, Soul, Blues und Jazzekstase. Sein intensives
Spiel weiß von der Macht der Musik (fast) jegliches irdisches
Ungemach transzendieren zu können. Musik war schon früh
Weltflucht für den in eher armen Verhältnissen geborenen
Lloyd. Er erinnert sich „Arm waren wir nur materiell, spirituell
wuchs ich in großem Reichtum auf. Und ich wußte bereits
als Dreijähriger, daß ich zum Saxophonspielen auf die
Welt gekommen bin. Es gab Kids in meiner Umgebung, die besser
spielen konnten, aber meine Liebe zum Spiel war aufrichtig und
extrem groß, also ließ ich mich nicht entmutigen und
arbeitete ständig an mir. Bis zum heutigen Tage. Meine Adoleszenz
fiel in eine Zeit, in der man anstrebte wirklich tiefgehende Musik
zu machen, Musik für die Seele und den Geist. In Wirklichkeit
spielt man ja für den Schöpfer, ist jedes Stück
ein Gebet.“ Der künstlerische Weg des musikalischen
Gottsuchers begann indes weitaus profaner. Lloyd spielte Blues
mit Bobby Bland und B.B. King, musizierte an der Seite von Cannonball
Adderley in so ziemlich allen Steakhäusern des amerikanischen
Südens, ehe er mit seiner Platte „Forest Flower“,
dem ersten Jazzalbum, das über eine Million Käufer fand,
zur großen Karriere abhob. Er trat im Rock-Circuit an der
Seite von Gruppen wie der Jimi Hendrix Experience und den Grateful
Dead auf, popularisierte den Jazz mindestens so wie Miles Davis.
Allerdings führte die Gesellschaft von Rockgrößen
zu allerlei toxischen Verirrungen. Rechtzeitig zog sich der von
Natur aus introvertierte Künstler für lange Jahre auf
seine weitläufigen Gründe im kalifornischen Big Sur
zurück. Und wer weiß, wäre da nicht der Pianist
Michel Petrucciani gewesen, der zu Beginn der achztiger Jahre
immer wieder zu Lloyd pilgerte, hätte der Saxophonist wohl
niemals zu jenem radikal individuellen Idiom gefunden, die ihn
nun zum Vorbild jüngerer Saxophonistengenerationen macht.
Mit seinem elegischen aber nicht minder flamboyanten Ton auf Meisterwerken
wie „Canto“ und „Voice in the Night“ eroberte
er das Jazzpublikum zurück.
Rechtzeitig zu seinem 70. Geburtstag heuer am 15. März kam
Charles Lloyds neues Opus „Rabo de Nube“ in die Läden.
Es ist ein Live-Mitschnitt seines letztjährigen Basel-Konzerts
und gleichzeitig das erste Tondokument seiner neuen Formation
mit dem großartigen Pianisten Jason Moran, mit der er auch
in Wien gastieren wird. Dieser Tastenakrobat, einst bei Granden
wie Andrew Hill, Jaki Byard und Muhal Richard Abrams in die Lehre
gegangen, verschiebt das bandinterne Kräfteparallelogramm
signifikant. Besonders schön nachzuvollziehen im Duett von
Klavier und Flöte in „Booker´s Garden“,
Lloyds gefühlvolles Tribut an den Trompeter Booker Little,
seinen schon mit 25 Jahren verstorbenen Freund aus Kindheitstagen
in Memphis. Der Titeltrack „Rabo de Nube“, ursprünglich
auf Lloyds Opus Magnum „Lift Every Voice“ ediert,
verzaubert mit ungewöhnlich reinem Ton. Lloyd ist längst
dort angelangt, worin er einst John Coltrane nacheiferte. Wie
Trane vermag er Avantgarde und Tradition(en) auf immens luftige
Art in seinen Stil zu integrieren.
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| This
70-year-old saxophonist and composer has been a pillar of American
jazz for years. Many believe his most impressive work is “Lift
Every Voice”, which Lloyd wrote and recorded shortly after
the 9-11 attacks of 2001. His music has attracted a dedicated
following by combining jazz with hymns, blues, Soul and spirituals.
Following collaborations with B.B. King and Bobby Bland, Charles
Lloyd recorded “Forest Flower”, the first jazz album
to sell more than one million copies. He later played with rock
artists such as Jimi Hendrix and the Grateful Dead. For Lloyd
jazz is about combining tradition with the avant-garde and reaching
the mind as well as the soul. |